Vorwort zum Buch

Viele sind wir nicht mehr. Wir Traditionsschiffer. Wir wissen, dass wir alle etwas seltsam erscheinen. Aber unsere Kollegen, die anderen Traditionsschiffer, die halten wir für noch viel seltsamer.

Wir haben es aber auch nicht leicht. Es ist eine Herausforderung ein altes Schiff zu unterhalten. Altes Handwerk zu praktizieren und gute Seemannschaft, das kann man lernen. Schwieriger aber ist es, ein altes Schiff in Bewegung zu halten. Diese Schiffe sind für eine andere Zeit gebaut. Über Jahrhunderte wurden Rumpf und Rigg den Anforderungen von Fahrtgebiet und Nutzungsart immer wieder neu angepasst. Aber heute ist das schwierig geworden. Unsere Schiffe sind museal geworden, das heißt, sie haben ihren ursprünglichen Daseinszweck eingebüßt. Die alten Aufgaben, wie den Transport von Menschen und Gütern, das Lotsen oder Fischen, erledigen heute andere Fahrzeuge wesentlich effizienter. Wir denken, es wäre schade, wenn die alten Schiffe verschwinden würden. Mit ihnen ginge ein Stück unserer Vergangenheit und Küstenkultur verloren.

Die alten Schiffe müssen also der neuen Zeit angepasst werden. Sie sollen Begeisterung und Engagement wecken für altes Handwerk und gute Seemannschaft. So wie die Schiffe und die Seefahrt es seit jeher getan haben.

Heute sollen sie aber auch begeistern für echte gemeinschaftliche Erlebnisse und Abenteuer, für unmittelbaren und unverfälschten Umgang mit der Natur. Ein Segelschiff muss die Kräfte der Natur geschickt nutzen. Ein Widersetzen ist zwecklos. Wir müssen versuchen, stets das Beste aus den Umständen zu machen. Und wir müssen es alle gemeinsam tun, denn wenn Streit und Zwietracht an Bord herrschen, kriegen wir die Dinge nicht in den Griff. Wir brauchen diese Qualitäten, die auch im größeren Zusammenhang unserer Gesellschaft wichtig sind.

Diesen Aufgaben stellen wir Traditionsschiffer uns, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, aber wir tun es alle gerne. Häufig wird uns Anerkennung dafür zuteil. Für die schön restaurierten Schiffe, für ein gelungenes Manöver, für einen unvergesslichen Törn und manchmal auch dafür, dass wir uns ohne großen eigenen Nutzen einer kulturellen Aufgabe stellen. Das freut uns, dafür sind wir dankbar, darum machen wir weiter.

In den letzten Jahren sind nun Widrigkeiten hinzugekommen, mit denen wir in dieser Wucht nicht gerechnet haben. Wir dachten, an einer oder sogar mehreren gesellschaftlich sinnvollen Aufgaben zu arbeiten.

Wer Denkmäler an Land bewahrt, der bekommt bauliche Auflagen – aber auch viel Unterstützung von öffentlichen Stellen. Wir Traditionsschiffer stellen uns verschärften Auflagen und steigenden Sicherheitsanforderungen und wir können sogar ganz gut ohne direkte Unterstützung von öffentlichen Stellen leben. Dass man aber versucht, uns generell als eine Gefahr für den Schiffsverkehr anzuprangern, dass man offen das Ziel formuliert, uns das Handwerk legen zu wollen, das lassen wir uns nicht gefallen. Weil wir unsere Schiffe und den Umgang mit ihnen lieben und weil wir davon überzeugt sind, dass unsere Arbeit mit den Schiffen und den darauf segelnden Menschen positive Wirkung auf unsere Gesellschaft hat.

Der Angriff von außen hat unter uns Traditionsschiffern einen neuen Zusammenhalt bewirkt. So seltsam wir uns untereinander finden mögen: Was wir an Bord unserer Schiffe praktizieren, gemeinsames zielgerichtetes Handeln, das müssen wir nun auch miteinander so halten. Ein Ergebnis dieses neuen gemeinschaftlichen Handelns ist dieses Buch. Es soll uns und unsere Schiffe sichtbar machen. Kleine Geschichten von Mut, Engagement und Seefahrt, die doch so vieles eint. Den deutschen Küsten soll kein weiteres dieser einmaligen Schiffe verloren gehen.

Initiiert wurde beides, solidarisches Handeln und Buch, von der Crew des Segelschiffes Lovis. Herzlichen Dank für beides. Herzlichen Dank auch all jenen, die Beiträge für dieses Buch geschrieben haben. Menschen, die sich seit Jahren für den Erhalt alter Schiffe einsetzen und hier nun davon erzählen. Dank auch denen, die dieses Buch lesen, weil sie den Anblick alter Schiffe schätzen, viell1eicht sogar gerne mit ihnen segeln. Diese Anerkennung brauchen wir, weil wir in den letzten Jahren in kabbeliger See und bei widrigem Wind unterwegs sein mussten.

Und wir machen weiter.
Es kommen auch wieder bessere Zeiten.

Jochen Storbeck, PETRINE, im Juni 2014

Stand: 18. Sep. 2014

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