Interview mit Nikolaus Kern

»Wir brauchen eine neue Sicherheitsrichtlinie«

Interview mit Nikolaus Kern

Nikolaus Kern ist Stellvertretender Vorsitzender des Interessensverbands der deutschen Traditionssegelschiffe (GSHW) und Vorsitzender und Kapitän des Segelvereins Clipper, der insgesamt vier Traditionssegelschiffe in Fahrt hält.

Herr Kern, etwa seit 2008 leiden die Traditionssegel- schiffe unter Schwund. Etwa ein Drittel der Schiffe musste aufgeben.

Mit den Zahlen ist es immer schwierig. Ich würde sagen, 2008 hatten wir noch etwa 150 Schiffe, jetzt sind es ungefähr 110.

Wieso ist das so?

Einige Schiffe haben natürlich auch aus individuellen Gründen ihren Betrieb eingestellt. Aber die meisten sind an den Eingangsvoraussetzungen zur Traditionsschiffs- richtlinie gescheitert.

obwohl sie bisher fahren durften.

Ja. Die Berufsgenossenschaft Verkehr (BG) legt seit 2007 die Sicherheitsrichtlinie zunehmend enger aus. Um als Traditionsschiff zugelassen zu werden, müssen Schiffe Originale oder Einzelnachbauten sein. Abgese- hen von ein paar Ausnahmen trifft das auf kein aktuell fahrendes Schiff zu. Deshalb haben viele Schiffe, deren Fahrterlaubnis ablief, keine neue mehr bekommen.

Warum macht das die BG Verkehr?

Nachdem eines der Schiffe geklagt hat und das Ham- burger Oberverwaltungsgericht aber die Sichtweise der BG bestätigt hat, gab es keine andere Möglichkeit mehr.

Trotz eines Erlasses, den in erster Linie die GSHW ausgehandelt hatte, verloren im vergangenen Jahr (2013) reihenweise Schiffe ihre Fahrterlaub- nisse, wieso das?

Weil auch der Erlass noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Wir haben ja vergangenes Jahr eine ganze Menge Wind gemacht und haben jetzt zum Glück eine Atempause bis Mitte 2015. So lange ha- ben alle Schiffe eine Fahrterlaubnis außer der Reihe. Aber wir brauchen natürlich dringend eine neue Sicherheitsrichtlinie.

Wie steht es da um den Prozess?

Die Verhandlungen haben noch nicht begonnen, es gab erste Gespräche mit Politikern, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Ob es bis Mitte 2015 was wird mit der neuen Sicherheitsrichtlinie, würde ich persönlich bezweifeln. Ich gehe aber davon aus, dass wir dann einen weiteren Aufschub bekommen.

Ist die Historizitätsfrage immer noch der Knackpunkt?

Ja, vor allem geht es um die Frage, wie historisch ein Schiff sein muss. Außerdem spielt es eine Rolle, dass die Schiffe nicht gewerblich fahren dürfen – das ist aber für die meisten kein Problem.

und die Sicherheit?

Das ist eher ein geringes Problem. Die Flotte ist im Bereich Sicherheit ganz gut aufgestellt. Aber grund- sätzlich auch offen für Verbesserungen! Ein Problem wird jetzt natürlich die fehlende Planungssicherheit, die eigentlich anstehende Investitionen verzögert.

Weil über einigen Schiffen ständig ein Damokles- schwert schwebt, wird nicht mehr investiert?

Ja, das ist ein Effekt. Außerdem leidet die Szene natürlich auch insgesamt, es gibt weniger Nachwuchs und wer aufhören will, findet niemanden, der sein Schiff übernimmt. Neubauten gibt es erst recht nicht.

Was ist Ihrer Meinung nach besonders und erhaltenswert an der Traditionsschifffahrt?

Jugendliche (und auch Erwachsene!) lernen auf alten Schiffen mit anzupacken, sie erkennen, dass man nur als Team das Schiff bewegen kann und sich in eine Gemeinschaft einfügen muss. Dass man dafür auch mal Küchendienst machen oder in der Nacht für die Wache aufstehen muss. Eine Reise auf einem alten Schiff hat etwas von einer Lebensschule, obwohl ich das Wort Schule nicht mag. Das klingt so nach Beleh- rung. Aber die Jugendlichen machen an Bord oft eine enorme Entwicklung.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir machen im Winter lange Reisen mit jungen Leuten. Die lernen sehr schnell Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, einen Speiseplan für mehrere Wochen zusam- menzustellen, vorausschauend zu planen. Wahnsinnig wichtig finde ich auch den ökologischen Aspekt. Auf dem Schiff leben wir mit einer Natur, die wir nicht bezwingen, der wir uns nur anpassen können.

Was haben Sie für eine Vision, wie ist die Lage für die Traditionsschifffahrt in fünf Jahren?

Ich würde mir wünschen, dass unsere eher heterogene Szene weiter zusam- menwächst. Ich würde unsere Ausbildung zukünftig gerne vereinheitlichen, zum Beispiel durch gemeinsame Seminare. Aber vor allem hoffe ich, dass wir dann Planungssicherheit haben. Dass es eine neue, gültige Sicherheitsrichtlinie gibt, die allen Kategorien von Traditionssegelschif- fen ermöglicht, weiter zu fahren.

 

Stand: 18. Sep. 2014

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