Interview mit Dirk Hennig

»Es gibt keinen besseren Ort«

Dirk Hennig leitet seit 16 Jahren das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) in rheinland-Pfalz. 2000 kam er mit der ersten Seminargruppe auf das Traditionssegelschiff LoVIS – und fuhr seither über 40 Mal mit dem Schiff auf der ostsee.

 

Herr Hennig, in rheinland-Pfalz gibt es kein Meer, aber viel Wald. Warum kommen Sie mit Ihren Freiwilligen ausgerechnet auf ein Segelschiff?

Weil es keinen besseren Ort gibt. Das liegt zum einen an der Lovis. Das Schiff war von Anfang an eng mit dem FÖJ verwoben, wur- de 1999 von ehemaligen FÖJlern aufgebaut und ist ein starkes Symbol dafür, dass es sich lohnt, sich einzubringen, Dinge zu verändern, sein Leben zu gestalten. Unsere FÖJler sind davon emotional immer sehr berührt und fühlen sich ermutigt. Das ist wertvoll und wir nutzen das auch, indem das Segelseminar unser letztes Seminar im FÖJ-Jahr ist, Ab- schluss und Höhepunkt zugleich. Aber auch abgesehen von dem konkreten Beispiel der Lovis bieten Traditionssegelschiffe Jugendli- chen ganz besondere Erlebnisse.

Was zum Beispiel?

Das traditionelle Segeln passt perfekt zu unserem Thema Ökologie. Auf dem Schiff ist man abhängig von den Naturgewalten. Der Wind entscheidet, wann wir ankommen. Es gibt keinen Zeitplan. Das ist eine Erfahrung, die viele Jugendliche erst mal irritiert und erschüttert und sie dazu bringt, neu über Natur nachzudenken. Anders als bei einem

Waldseminar verliert sich die Zeit unterwegs, Zeit und Raum lösen sich geradezu auf. Denn egal wie nahe das Land schon ist, es kann sein, dass wir noch mal drei Stun- den warten müssen, bis der Wind wieder zunimmt, damit wir hinkommen. Die Jugendlichen fühlen sich oft gleich- zeitig frei und verloren. Die Gemeinschaft ist ein Wert, der dann auf dem Schiff enorm wichtig wird

Der Klassiker: Gemeinsam an einem Tau ziehen?

Ja, so etwas. Es gibt ja viele Spiele und Übungen, um Teamarbeit zu trainieren. Die kann ich auf dem Schiff
alle vergessen, da muss ich nichts erfinden. Das ist eine Echtsituation, die ist auch für die Jugendlichen absolut ersichtlich. Nur zusammen kommen wir voran. In einem Tagungshaus habe ich so was maximal, wenn wir uns sel- ber verpflegen, da muss dann zusammen gekocht werden. Aber so wie auf dem Schiff, an fünf Tagen, 24 Stunden lang, das ist einzigartig. Und dem kann sich auch niemand entziehen. Anders als im Waldhaus gibt es keinen Fernse- her und nicht die Möglichkeit, sich abends mal abzusetzen, sich diesem intensiven Erlebnis zu entziehen. Dazu kommt das physische, etwas wirklich anzupacken. Mit den eigenen Händen. Das ist auch so eine Sache. Das macht ja kaum noch jemand.

Hat sich das in den vergangenen Jahren verändert?

Nach meinem Empfinden ja. In den Anfangsjahren kamen oft noch Leute zu uns, die schon Erfahrungen mit der Natur hatten, die wussten, was sie wollten und das FÖJ

machten, um da noch eines draufzusetzen. Heute sind die meisten unserer Jugendlichen wirklich sehr entfremdet von der Natur. Dabei ist verrückterweise gleichzeitig ein enormes theoretisches Wissen da. Manche kennen sich perfekt aus mit der Desertifizierung in der Sahelzone, aber es hat gar nichts mit ihrem Leben zu tun, ist in einer anderen Schublade in ihrem Gehirn gespeichert. Das ist auch eine der wertvollen Leistungen des Schiffes – die Natur und ihre Probleme wer- den anschaulich, greifbar und Teil des eigenen Lebens.

Geht es den Jugendlichen auch um den Abenteuerfaktor?

Klar das auch. Auf unserem Segelseminar passiert im Schnitt viel weniger als auf den anderen vier Seminaren. Aber das wird von den Jugendlichen anders empfunden. Die erleben das als Herausforderung, schon von dem Augenblick an,

wo sie an Bord kommen und einen Schritt über die Lücke zwischen Pier und Schiff machen sollen.

naturerlebnis, Abenteuer, das Erlebnis der eigenen Wirk- mächtigkeit, Gemeinschaftserleben – warum sind diese Eindrücke so wichtig?

Die Bedeutung dieser pädagogischen Schiffserlebnisse hat in den vergangenen Jahren noch zugenommen. Wir haben ja einen gesellschaftlichen Bildungsauftrag, der in die Richtung geht, dass wir junge Menschen befähigen sollen, Gesellschaft aktiv mitzugestalten, gerade im ökologischen Bereich. Im Ide- alfall transformieren sich alle diese Erlebnisse in eine andere Ebene, nämlich in die, dass man zusammen als Gemeinschaft auch in der Gesellschaft etwas verändern kann.

Stand: 18. Sep. 2014

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