Interview mit Detlev Löll

Wenn es um alte Schiffe geht, ist Detlev Löll Experte. Angefangen hat alles in den 1980er- Jahren als er wechselweise als Koch, Ma- schinist und Kapitän in der Stammcrew der Thor Heyerdahl fuhr und dann mit ein paar Freunden beschloss: »Das können wir auch«. Mit ABM-Mitarbeitern baute die Gruppe in Wolgast den Toppsegelschoner FrIDTJoF nAnSEn, die Brigg Roald Amundsen und den rennkutter noBILE, die alle heute als Traditionssegelschiffe unterwegs sind. Für Detlev Löll war das erst der Anfang. Löll plant und baut riggs von Großseglern.

Je größer ein Projekt, desto wahrschein- licher, dass er seine Finger im Spiel hat. Er konstruierte und baute die Takelagen der CISnE BrAnCo für die brasilianische und der Shabab oman für die omanische Marine. Er konstruierte diverse Kreuzfahrtschiffe unter Segeln, wie die SEA CLouD II und die LILI MArLEEn, und arbeitet als Gutachter für Takelagen beim Germanischen Lloyd. Für die GorCH FoCK, das deutsche Marineschul- schiff, hat er ein neues Sicherheitskonzept erstellt und macht die jährlichen Sicher- heitsabnahmen. und auch den neubau der THor HEyErDAHL, auf der für ihn 1984 alles begann, hat er 2009 umgesetzt.

Herr Löll, die BG Verkehr beklagt bei viele Traditionsschiffen mangelnde Historizität und verweigert ihnen deshalb die Betriebsgenehmigungen. Können Sie das nachvollziehen?

Nein, nicht wirklich. Ich finde die Originalitätsdiskussion schwierig. Wo fängt man an, wo hört man auf? Ich habe 2011 die SY GERMANIA NOVA konstruiert. Die ist zu 100 Prozent original. Linienriss, Deck, Aufbauten, Takelage, alles korrekt wie das 1908 gebaute Original. Aber nur von außen. Innen gibt es allen Luxus, den man sich vorstellen kann, Heizung, Klimaanlage. Das Schiff ist kein Traditionssegelschiff, würde aber die Vorschriften der BG erfüllen. Ein anderes, das vielleicht äußerlich Abweichungen zu einem Vorbild hat, aber unter Deck noch eine Ahnung lässt davon, was Traditions- schifffahrt bedeutet, nicht. Das ist doch absurd. Ich würde mir wünschen, dass die pädagogische Arbeit, die die Schiffe leisten, im Zentrum der Debatte steht. Denn letztlich ist so ein Traditionsschiff doch nur ein Medium, um ein pädagogisches Ziel zu erreichen.

Was für ein Ziel?

Das ist je nach Schiff verschieden, aber tatsächlich denke ich, dass die meisten Schiffe mit ihrer Arbeit pädagogische Ziele verfolgen. Manche Schiffe betreiben Erlebnispädagogik, anderen geht es nur darum, die traditionelle Seemannschaft zu vermitteln. In jedem Fall ist das wertvoll. Viele junge
Leute heutzutage erleben auf diesen Schiffen Dinge, die
der Vereinzelung entgegenwirken. Dass man gemeinsam etwas bewegt, alleine nicht viel ausrichten kann. Viele haben auf Facebook Hunderte Freunde, real aber keinen einzigen. Auf dem Schiff merken sie, was es heißt, sich auf andere verlassen zu müssen. Dass sie selbst wichtig für die Gruppe und den Erfolg der Fahrt sind.

Tatsächlich ist es momentan extrem schwer, als Traditions- segelschiff zu überleben.

Ja, leider. Ich kann das Bestreben der BG, die Schiffe vom Markt zu nehmen, nicht verstehen.

Offiziell geht es um Sicherheit …

Auch die Sicherheitsbedenken der BG teile ich nicht. Ich begutachte für den Germanischen Lloyd die Takelagen der Schiffe, die kommerziell fahren, im Auftrag von verschie- denen Marinen die von militärischen Schulschiffen und kenne die Situation bei Traditionssegelschiffen sehr gut. Und ich muss sagen, dass Traditionssegelschiffe von ihren Crews meist mit viel Elan gepflegt werden und vergleichs- weise gut erhalten sind. Bei den kommerziellen Schiffen wirkt sich der finanzielle Druck oft so aus, das vor allem

in den Luxus der Gäste an und unter Deck investiert wird. Das, was ins Auge springt. Im Rigg sind die Investitionen geringer, hier wird häufig erst dann etwas verändert, wenn die Schäden gravierend sind. Aber natürlich gibt es auch bei den Traditionssegelschiffen schwarze Schafe und ich würde auch organisatorisch am System etwas ändern.

Was denn?

Die Abnahme für das Sicherheitszeugnis kommt ja nur alle fünf Jahre. Ich finde es wichtig, dass auch zwischendurch immer mal wieder ein unabhängiger Sachverständiger auf die Schiffe guckt. Lloyd‘s Register schreibt z.B. eine jährliche Überprüfung von Passagierseglern vor. DNV/GL hat dieses Jahr eine neue Richtlinie zur Überprüfung von Takelagen herausgegeben, die gute Empfehlungen für diesen Bereich gibt. Denn da gibt es doch oft eine gewisse Betriebsblindheit.

Haben Sie ein Beispiel?

Bei einem Schiff war es zum Beispiel so, dass es eine Roststelle gab und die Besatzung einfach damit gelebt hat. Man kannte die ja. Die hatte man ja unter Kontrolle. Trotz- dem ist sie immer größer geworden, wurde zugemalt, aus den Augen, aus dem Sinn. So etwas darf natürlich nicht passieren und dafür ist ein Blick von außen schon hilfreich. Um den Konflikt zu lösen, finde ich es wichtig, alle beteiligten Gruppen an einen Tisch zu holen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Stand: 18. Sep. 2014

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