Victor Jara

Der Traditionsschiffvirus

Bericht eines Befallenen von der VICTOR JARA

Eigentlich begann es mit einem Schwanen- gesang. 1972. Da war ich just sieben Jahre alt. Wir wohnten in der Nähe von Kiel und hatten die einmalige Chance, die wirklich allerletzten großen Segelschiffe zu sehen. Im Rahmen der Kieler Woche – schon damals eine Mischung aus Tradition und kritisiertem Kommerz.

Eine solche Sternfahrt hatte es in Deutschland jedenfalls so noch nicht gegeben. Wir nutzten die Chance und fuhren an die Kiellinie zu den großen Schiffen: Kruzenshtern, Dar Pomorza, alle, die ich aus meinem Quartettspiel kannte. Und sogar noch ein paar mehr. Siebenundsech- zig Sail-Training- oder Schulschiffe aller Größen und aus aller Welt.

Das Geschehen auf den »Großen« war es
aber gar nicht, was so meine Aufmerksamkeit erregte. Diese waren voller Menschen, man musste lange anstehen und dazu hatten wir alle keine Lust. Aber wir konnten auch die »Kleinen« betrachten. Da war ein Zweimaster, hell, mit We- beleinen in den Wanten, und im Rigg arbeitete ein bärtiger Mann mit freiem Oberkörper und Messer an seiner Büx. Und er lachte uns an. Ein Pirat? Nö, war er natürlich nicht, nur ausgestat- tet mit traditionellen Ausrüstungsgegenständen und Werkzeugen.

Das Bild von diesem Seemann auf der Kieler Woche habe ich bis heute im Kopf und es muss wohl ein sehr tiefes Interesse ausgelöst haben. Erst einmal gingen die Jahre ins Land. Ich lernte das Segeln, allein in einem Optimisten. Wir siedelten an die Nordsee. Da gab es keine alten, größeren Segler. Und mit so ’ner Pütscherjolle

raus auf den Blanken Hans? Nö, lieber nicht. Dann stand die Berufsfrage an und ich überlegte ernsthaft, ob ich denn zur See fahren sollte. Entweder Fähre Nordstrand–Föhr oder Contai- nerkutscher mit sechs Stunden Aufenthalt im Hafen. So richtig mit Handwerk hatte das wohl nichts zu tun, mit Spleißen, Kalfatern, Kleeden. Ich bin dann was ganz anderes geworden. Aber immerhin hat es mich nach Hamburg verschla- gen. Und da gab es den Museumshafen. Und alte Schiffe. Traditionsschiffe. Keine Museumsschiffe, weil den Machern damals schon klar war, dass Schiffe, die nicht bewegt werden, als Couchpota- to enden, sozusagen. Also wie unsereiner, wenn man den ganzen Tag vorm Fernseher sitzt. Dann wird man um die Hüfte weicher und das merkt man so lange nicht, bis ein teurer Refit ins Haus steht, wo gleich noch ein paar Defekte mehr festgestellt werden.

Und dann war ich also in dieser Welt. Erst einmal vor Ort, fand sich der Weg zu den anderen Schif- fen wie von selbst. Egal ob als Crew oder Trainee: Ich bin in den verschiedensten Positionen auf den verschiedensten Schiffen gefahren. Vom holländischen Flachboden über Yachten wie die Amphitrite bis hin zu Staatsraad Lehmkuhl oder Kruzenshtern. Namedropping. Aber auf jedem einzelnen Schiff hatte ich das Glück, besondere Situationen zu erleben. Sei es, dass wir auf der Staatsraad bei der Rückkehr von der ersten langen Reise seit Jahren zum Repräsentieren ins Rigg gingen und mit Salut und Kapelle empfangen wurden. Sei es, dass ich kurz nach Grenzöffnung in Tallinn auf die Kruzenshtern kam und mich der Maat vom Kreuzmast, obwohl ich ja eigentlich Trainee war, zu seiner rechten

Hand in Sachen Ausbildung der frischen Kadetten im Rigg machte. Ich durfte sowohl eine Zeitlang einen exquisit restaurierten Logger betreuen sowie auf der Catarina fahren, die so klein ist, dass man sie nur zur Schau stellen kann. Auf der großen Roald Amundsen konnte ich die echten Manöver zeigen und üben und das erfahren, was schon den Schriftsteller Alan Villiers 1934 dazu brachte, die Joseph Conrad zu kaufen und mit jungen Leuten zur See zu fahren.

All dieses erleben kann man auch auf der VICTOR JARA. Gerade groß genug, um
mit zwölf Leuten gemeinsam traditionelle seglerische Erfahrungen zu sammeln. Klein genug, damit man sich als Wachführer oder angehender Kapitän ausprobieren kann. Alt genug, um sich auf die Traditionen einlassen zu müssen. Und immer sehr nah an den Gewalten.

Sie ist jetzt, während ich dies schreibe, 97 Jahre alt, aber ob sie noch ihren Hunderts- ten erleben kann, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Warum? Weil es unheim- lich schwer ist, so ein Schiff instand zu halten. Wenn ich die VICTOR JARA privat betreiben wollte, müsste mein Einkommen deutlich über dem Durchschnittseinkommen liegen.

Ein Verein könnte es leisten, ähnelt aber heute mit sämtlichen Verantwortlichkeiten immer mehr einem mittelständischen Betrieb, inklusive Haftung. Das macht es nicht unbedingt einfacher, diese Verantwor- tung zu übernehmen. Gerade in den kleinen Vereinen, die auch ganz schnell scheitern können, weil plötzlich fünfzig Prozent der Mitglieder innerhalb von zwei Jahren Kinder kriegen und nicht mehr so können. Oder eine Baustelle entdeckt wird, die man nicht mehr aus der Vereinsbörse bezahlen kann. Oder etwas ganz anderes. Oder alles auf einmal zusammenkommt. Trotzdem versucht man es bis an die Grenze des per- sönlich Verantwortbaren, aber nicht darüber hinaus. Das sollte die See einen auch gelehrt haben.

Warum ich mich für traditionelle Schiffe engagiere? Weil ich überzeugt bin, dass die Menschen das Jetzt und die Zukunft nur verstehen und entwickeln kön- nen, wenn sie die Vergangenheit begreifen können. Mit ihren Händen.

Nicht nur virtuell.

Und deswegen warte ich auch auf die Frage der lütten Pökse: Bist Du Pirat? Wie sie dann zuhören, wenn Du erzählst, was früher auf so einem Schiff passiert ist. Was der Unterschied zwischen dem Schiff hier und einem echten Haikutter ist. Dass die Segel damals noch viel schwerer waren. Und vor allem andere Unterschiede fallen auf: Das Erlebnis, am Ruder zu stehen, anstatt mit dem Joystick Anno 1602 am Computer zu spielen. Alles anfassen zu dürfen.

Und die Kinder haben danach vielleicht ein ähnliches Bild im Kopf wie ich damals, als mich der Traditions- schiffvirus befiel.
Vermutlich unheilbar.

Carsten Gervink

victor_jara

Name: Victor Jara
Eigner: Verein zur Förderung traditioneller Seemannschaft e.V
Webseite: http://victor-jara.de
Heimathafen: Hamburg-Finkenwerder
Baujahr: 1917
Ort: Skive, DK
Typ: Haikutter, Schoner nach amerikanischem Vorbild
Länge: 23,65 m
Breite: 4,55 m
Tiefgang: 2,2 m
Segelfläche: 215 m2
Maschine: Ford Solé SFN160
Besatzung: 8—11 PErsonen
Stand: 18. Sep. 2014

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