Thor Heyerdahl

Seegang und Windstille

Eindrücke eines Ausbildungstörns auf der THor Heyerdahl

Da soll ich jetzt also hoch. Ich, die sich nicht mal auf einer Leiter wohl fühlt und immer der festen Überzeugung war, nicht schwindelfrei zu sein. Schonermast. 15 Meter, vielleicht 17? Ich lege den Kopf in den Nacken … Nein, lieber nicht hochschauen. Mein Wachführer ist zum Glück mit einer Engelsgeduld und Seelenruhe ausgestattet – die hätte ich jetzt auch gern. Meine Knie zittern, mein Mund ist trocken, meine Hände schweißnass, mein Herz klopft. Ich klettere los, im Drei-PunktSystem, sichere mich mit den Karabinern meines Sicherheitsgurts, halte mich fest, habe davon am nächsten Tag Muskelkater.

Die THOR HEYERDAHL unter mir wird kleiner und kleiner. Wir klettern zu den Rahsegeln, alles wackelt. Wie soll ich hier jemals Segel packen? Meine Hände krallen sich ins Segeltuch. Aber der Blick – fantastisch! – lässt mich alles vergessen, die Sonne trifft glitzernd auf das Wasser, der sanfte Wind lässt kleine Kräuselwellen entstehen. Wir sitzen auf Höhe des Bramsegels, lehnen am Mast. Eigentlich will ich noch zum Mastgeheimnis, aber wegen eines anstehenden Manövers müssen wir wieder an Deck zurück. Ich begebe mich auf den Abstieg – stolz auf mich und meinen eigenen Mut. Im Hafen von Faaborg. Wir genießen nach stiller Minute das Frühstück an Deck, die Sonne scheint, wir sitzen in Pullovern, ein milder Morgen Anfang September. Die Möwen kreischen und segeln mit ausgebreiteten Schwingen über das spiegelglatte Hafenwasser, kein Lüftchen regt sich. Wir bekommen unsere Sicherheitsbelehrung – was tun wir, wenn es brennt? Wo hängen die Feuerlöscher? Wie wird der Verschlusszustand des Schiffes hergestellt? Der Ernstfall wird simuliert, ein Brand unter Deck, eine Person wird vermisst. Der Löschtrupp zieht los.

Später spannen wir »Leichenfänger« und Strecktaue, damit bei schwerer See niemand über Bord gespült wird. Uns schwirrt der Kopf vor neuem Wissen und Informationen. Die Ostsee im Hafen von Faaborg liegt immer noch spiegelglatt vor uns und die Dänen wundern sich – Leichenfänger und Strecktaue bei Windstille!

Wir segeln die Nacht durch, die Stimmung ist gut, wir sind aufgekratzt, von Müdigkeit keine Spur. Auf dem Achterdeck ist Wachübergabe, wir übernehmen das Fahren des gesamten Schiffes, das Rudergehen, die Sicherheitsrunde, alles. Wir sind froh, alles im Hellen schon mal erprobt zu haben. Das Ölzeug ist schnell ausgezogen, durch die Bewegung ist uns warm, es ist eine milde Nacht, die wir unter Vollzeug durchsegeln – im Kreis, denn es geht leider kein Wind. Dafür können wir die Sternbilder im nachtschwarzen, spiegelglatten Wasser erkennen. Meine Wache steht vor mir, erwartungsvolle Gesichter. Ich soll das Setzen des Großsegel anleiten, das hab ich ja schon mal mitgemacht, aber selber anleiten … Ich schlucke und wehre mich gegen den inneren Schweinehund, der mir einreden will, dass ich ja eigentlich noch gar nichts kann und weiß. Irgendwie fängt ein Teil meines Hirns an wieder zu arbeiten, ich teile meine Wache ein, besetze Klauund Piekfall, den KlaufallNiederholer, die Geien. Habe ich an alles gedacht? Ich stehe auf dem Achterdeck – hören mich wohl alle? Rufe den anderen die Kommandos zu, kämpfe um den Überblick und darum, alles im Blick zu behalten. Sehe, dass das Piekfall zu schnell durchgeholt wird, es am Klaufall dafür schwieriger wird, versuche zu korrigieren. Bin stolz, als das Segel dann wirklich oben ist und realisiere, wie viel ich eigentlich auch schon gelernt habe. Wir motoren in die Schwentine hinein, ich frage mich, wo die Tage bloß geblieben sind, gefühlt war ich viel länger weg als »nur« neun Tage. In Kiel werde ich von Freunden erwartet und abgeholt, das tut gut. Trotzdem kann ich es kaum erwarten, wieder an Bord der Thor zu sein und zu segeln, wieder Wind in den Haaren zu spüren, die Taue knarren zu hören, über die Ostsee zu schauen, in der Koje einzuschlafen, in der Kombüse Essen für alle zu kochen, gemeinsam an Deck oder in der Messe zu essen, dem Meer und dem Himmel so nah zu sein …

Gesche Beukenberg

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Stand: 18. Sep. 2014

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