Santa Barbara Anna

Nur drei Mann der Crew wussten alles …

Mein emotionalstes Erlebnis auf der Santa Barbara Anna

Es war ein sonniger Mittwochabend im Sommer 2002. Die Crew war bereit für einen gebuchten Törn über fünf Tage. Die Lasten gefüllt, die Besatzung motiviert, doch die Route und der Zielhafen waren nur dem Bootsmann, dem Skipper und dem Kapitän bekannt. Der Koch hatte noch von den Übernachtungsgästen einige »Sonderbestellungen« erhalten und dann kamen sie auch schon: neunzehn Männer mit Rucksack und ein paar Kisten Bier. Die Sicherheitsbelehrung folgte dem gemeinsamen Kennenlernen unkompliziert und spontan. Toll! Unsere neuen Mitsegler würden mit uns klar kommen und wir auch mit ihnen. Zum Abend wurde auf der Pier im Rostocker Stadthafen gegrillt. Bier und Cognac empfingen ihr Ende ohne Proteste. Es wurde geteilt und gelacht. Diese Gäste waren in Ordnung. Am nächsten Morgen waren erstaunlicherweise die Gäste vor der Crew wach und auch erstaunlich motiviert. Es sollte in einen dänischen Hafen gehen, das wussten wir. Mehr nicht. In welchen? Keine Ahnung! Nach einem ruhigen Törn von vierzehn Stunden waren wir in dem Minihafen angekommen und die Gäste verschwunden. Was niemand verstand. Alle Männer waren unter Deck verschwunden. Nun gut. Da wir mit unserem Großsegler eine wahre Attraktion in dem kleinen dänischen Ort waren, kamen die Einwohner uns besuchen. Manche wegen wirklichen Interesses, andere in der Hoffnung, ein deutsches Bier zu bekommen. Innerhalb von zwei Stunden hatten die Einheimischen alle Freunde über diese relativ günstige Möglichkeit zum Bier trinken informiert. Nach dem zweiten Fass Bier war die Stimmung im Himmel. Eine liebe, rundheraus positive Stimmung. Die Bewohner aus dem Ort waren einmalig. Doch, unsere Gäste waren verschwunden! Kurz nach Sonnenuntergang schritt eine Frau in einem blumigen Sommerkleid mit einem Mann untergehakt in Richtung unseres Schiffes. Ich begrüßte die beiden. Sie fragte nach einem deutschen Bier für ihren Mann, der wohl ursprünglich Deutscher war. Sie Hanna. Er Jürgen. Herzlich wurden die beiden von mir, als einem der Involvierten, eingeladen. Der Mann sprach mich an und ich erklärte ihm gern das Schiff. Augenscheinlich war der Mann technisch versiert. Sogar die Maschine wollte er vor seinem ersten Bier sehen. Die Frau nickte mir zu. So fügte ich mich und erklärte, zeigte und demonstrierte. Etwa eine Stunde nach dem die beiden an Bord gekommen waren, hatten wir den Mann endlich in die Offiziersmesse bugsiert. Jürgen bestellte ein Bier, seine Hanna einen Rotwein. Beide wählten das Sonnendeck als ihren Platz, um zu genießen. Die Sonne streichelte den Horizont, als der Moment der Überraschung kommen sollte. Unsere neunzehn Gäste kamen einer nach dem anderen auf das Sonnendeck und das Gesicht des sprachlosen Jürgen wurde länger als der Horizont. Wortlos begrüßten sich die zwanzig Männer. Es gab erst nur Blicke und Umarmungen. Dann folgte das Erinnern an die Namen, und es folgten Tränen. Herzliche Tränen der Freude.

Die Lösung: 1989 beendeten die Männer ihr Studium in Halle an der Saale. Der überraschte Jürgen hatte 1992 einen letzten telefonischen Kontakt zu einem seiner Kommilitonen. Damals hatte er schon seinen Job bei Siemens in Dänemark angenommen und seine dänische Frau kennengelernt. Diesen zehn Jahre alten Kontakt nutzte die Gattin des zu Überraschenden, um ihrem Jürgen ein Geschenk der besonderen Art zu machen. Sie informierte seinen alten Studienkollegen darüber, dass es ihrem Mann nicht gut gehe. Seine Heimat und alte Kontakte fehlten ihm. Hanna und der alte Studienkollege entwickelten eine Idee – die Idee mit der SANTA BARBARA ANNA. Alle anderen Seminargruppenteilnehmer waren sofort bereit, sich der Idee anzuschließen. So buchten uns die Männer für ein paar Tage, um ihrem Kommilitonen was Gutes zu tun. Resultat: Nur der Skipper, der Bootsmann und unser Kapitän wussten auf unserem Schiff alles. Unser Kombüsier bekochte die Gäste nach deren Bestellungen. Über das Lieblingsessen von Jürgen waren wir informiert. Die Frau hatte noch mit dem Chef ihres Mannes geklärt, dass der am Freitag und am Montag Urlaub hatte. Der Sohn der beiden brachte eine Stunde später einen perfekt gepackten Seesack zu unserem Schiff. Warum war das der emotionalste Törn meines Lebens? Ich sah Glück. Ich sah zwanzig weinende Männer. Ich sah eine Frau, die ihrem Mann einen nie erfragten Wunsch erfüllte.

 

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Stand: 18. Sep. 2014

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