Roald Amundsen

Bei »Alle Mann in die Wanten!« wird’s spannend

Wir haben nachgemessen. Unser Journalistenbüro liegt in einer Industriehalle, neun Meter vom Boden bis zur Decke. Sieht ziemlich hoch aus. Der Großmast der ROALD AMUNDSEN bringt es auf 34 Meter. Muss ich da hoch? Will ich da hoch? Aber jetzt mal ganz langsam. Wer ins Rigg eines Großseglers steigt, tut das Schritt für Schritt. Am Anfang war da also unser Kinderarzt, der sich den OstseeTörn mit der ROALD AMUNDSEN zu einem runden Geburtstag geschenkt hatte. Klang toll. Windjammer-Romantik, weiße Segel, Captain’s Dinner. Und aus dem Deckchair schaut man mit lustvollem Respekt Seeleuten bei ihrem gefährlichen Job in schwindelnder Höhe zu. »Nö«, sagte Uwe, der als Mann des Nordens eher knapp formuliert. »Da kannst du nur als Trainee mitfahren. Du bist Teil der Crew und machst alles mit.« Alles? »Alles!« Dienst an Deck, Kochen, Klos putzen, Ruder gehen, Aufentern ins Rigg. 18 Segel hat die ROALD AMUNDSEN. Gebaut 1952 als Tanklogger der NVA, wurde das Schiff 1992 zur Brigg, ein Zweimastsegler mit Rahsegeln, umgebaut, 50 Meter lang, 850 Quadratmeter Segelfläche. »LebenLernen auf Segelschiffen e.V.« heißen Verein und Credo einer Gruppe von Enthusiasten, Idealisten, Rahsegel-Verrückten, die von Eckernförde aus seit 20 Jahren mit der »Roald« auf den Weltmeeren unterwegs sind, im Sommer auf der Ostund Nordsee und im Atlantik, im Winter in der Karibik. Ziel ist zum einen die seemännische Ausbildung in der Tradition von Segelschulschiffen, andererseits Menschen aller Altersstufen und sozialer Schichten zusammenzubringen. Gesegelt wird professionell und nach höchsten Sicherheitsstandards – aber es sind eben keine Profis. Wer mitfährt, und das gilt für die 16-köpfige Stammcrew einschließlich Kapitän genauso wie für die knapp 30 Trainees, nimmt dafür Urlaub in seinem Beruf. Tasche gepackt, trotz Sommers noch einen Pullover mehr obendrauf, das hatten sie uns so gesagt. Noch liegen wir in Wismar. Ulrich Komorowski, ein Lachen auf dem Gesicht,schwarze Brille, Bürstenhaarschnitt, begrüßt uns beim ersten »All Hands« alle Mann an Deck. Bedeutet: Alles stehen und liegen lassen. Das kommt ab jetzt öfter. Nach der Sicherheitseinweisung werden die Wachen eingeteilt: zweimal täglich vier Stunden, zwölf bis vier Uhr, vier bis acht, acht bis zwölf, das gleiche nachts. Gesegelt wird rund um die Uhr, wenn Wind und Strecke es hergeben. 23.30 Uhr. Tiefschlaf. Jemand flüstert: »Andreas, du hast um 0 Uhr Wache. Es ist trocken und kühl.« Damit jeder gleich weiß, was man anziehen muss. Am besten alles. Dann raus. Dunkel. Dunkel wie im Bärenarsch. Sagt der Seemann so. Die Kommandos drehen sich um Geitaue, Gordinge, Brassen, Fieren, Holen, Schot, Fall. Kein Licht geht auf. »Obermars auspacken! Wer geht rauf?« Obermarssegel, das ist das dritte, das in der Mitte: Fock, Untermars, Obermars, Bram, Royal. Nicht lange nachdenken, rauf. Der Autor denkt etwas zu lange nach. Die, die dann ins nachtschwarze Rigg steigen, tun das schweigend, konzentriert. Björn, der schon auf der »Gorch Fock« gefahren ist, sagt hinterher: »Angst und schön, beides gleichzeitig. Wenn du oben bist, machst du deine Arbeit, sonst nichts.« Stehen auf dem Fußpferd, einem Tau unterhalb der Rah, der Körper im Klettergeschirr, eine Hand zum Sichern, die andere zum Arbeiten. »Gut«, sagt Thommes anschließend und reicht die große Dose Gummibärchen herum. Rituale gehören zur Seefahrt.

Thommes hat sehr breite Schultern und vom linken Ringfinger fehlt ihm ein Stück. Da ist er nicht allein an Bord. Er ist unser Toppsgast, der Boss unserer Wache, der Mann, der noch den Überblick hat, wenn unser Verstand sich im Gewirr von vier Kilometer Tauen längst verheddert hat. Zu Anfang des Törns hatte er uns feierlich mit Bändseln ausgestattet. Sehr wichtig für Leute die auf Masten von Segelschiffen herumklettern und mit den kurzen Bändern Taschenmesser, Werkzeug oder Brille vorm Runterfallen sichern. Er hatte die Bändsel unter eindringlicher Warnung vor drohenden Gefahren ausgehändigt. Wir waren beeindruckt, die Schilderung gipfelte in einem dramatischen Finale, in einer großen Sauerei, mit viel Blut, Gebrüll und dem Käptn, stinksauer. Die Wache geht schneller um als erwartet, um vier Uhr erstes Licht am Horizont und der Wechsel, Antreten in immer gleicher Formation, Vordermann, Hintermann, Nebenmann – alle da? Wenn nicht: Toilette, Kaffee holen oder was Schlimmes. Was Schlimmes ist auf der ROALD AMUNDSEN noch nie passiert.

Nach der Wache falle ich in meine Koje: Zehn innen unten. Das ist wichtig zu wissen, vor allem für den Weckdienst. Den Falschen nachts aus dem Bett zu holen besser nicht. Nächste Wahrnehmung ist der Ruf zum Frühstück und der Duft der täglich frisch gebackenen Bord Brötchen. Durch die Gänge unter Deck poltert fröhlich Hartwig aus Dortmund: »Reise! Reise! Aufstehen, ihr faules Pack!« Die »Roald«, schwört er mit Vier-FingerHand, habe ihm damals sein Leben gerettet, an Land war er schon fast untergegangen. Heidi, die in Zehn außen oben liegt, sagt: »Guten Morgen kannst du mir bitte eine Tüte besorgen?« Ich frage herum bei der Stammcrew. Bea aus der Schweiz zieht wortlos eine Rolle Plastiktüten aus der Hosentasche und reißt ein paar ab. Ist hier eben so, kann jedem passieren. Heidi wird noch viele Tüten brauchen. »Es heißt ja nicht umsonst: ‘Heidi – deine Welt sind die Berge’ …« kommentiert Wolfgang trocken beim Frühstück. Zu gut, um nicht drüber zu lachen, böse ist das nicht gemeint. Morgen wird es Thomas erwischen. Einer der erfahrensten Leute an Bord, früher Marine-Kommandant, wird von der höchsten Rah steigen, gentlemanlike und diskret die letzte Mahlzeit über der Bordwand entsorgen und weitermachen. Dieses Schiff ist ein großer, sehr komplexer Organismus, der keine Maschinen, Aggregate, Motoren (außer einem Schiffsdiesel) benötigt, nichts, das automatisch funktioniert, aber viele Hände, etwa 90, und nur wenn die zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sind, fährt das Schiff und am besten auch noch in die gewünschte Richtung. »Wir segeln wie zu Anfang des 19. Jahrhunderts« heißt es in einer Broschüre. Der Umgangston an Bord ist sagen wir es mal Neudeutsch nachhaltig. Was Kapitän, Steuerfrau, Toppsgast anordnen, das wird so ausgeführt. Und zwar zügig. Als Ulrich Komorowski zu Jugendzeiten in den Sommerferien als Deckshandanwärter auf großen Segelschiffen anheuerte, muss das noch eine arge Menschenschinderei gewesen sein – und Respekt ein Fremdwort. »Meine Freunde haben damals immer die Nase gerümpft, was ich denn da wollte«. Vom Mief der Ewiggestrigen ist heute nichts mehr übrig, zumindest nicht auf der »Roald«. Es begegnen sich Menschen an Bord, die Radiologe sind oder Rohre reinigen, die die Enge von U-Booten kennen oder die einer Zelle im Knast, die nie Alkohol trinken oder 40 Jahre als Junkie lebten, die Kriegsdienstverweigerer waren oder im Kosovo-Krieg Panzer gefahren sind, die schnarchen, sobald sie die Augen schließen, oder wach liegen und kein Auge zukriegen, die Lufthansa-Jets geflogen sind oder im Himalaya waren, Heavy-Metal-Fans, deren Jahreshöhepunkt das Wacken-Festival ist, Unternehmer, Arbeitslose, Großmütter. Aber niemand, der einen anderen schräg dafür angesehen hätte, Gleichheit unter gänzlich Ungleichen. Wenn einer nicht mehr kann, hängen sich zwei andere rein, keine Häme, kein Vorwurf. Bärbel hat als Kind vor Laboe die »Gorch Fock« gesehen: »Da wusste ich – das will ich. Aber mein Vater sagte: Bis du groß bist, gibt es keine Rahsegler mehr, und Frauen nehmen die sowieso nicht mit.« Sie wurde brav Krankenschwester, bis ein schwerer Schicksalsschlag in der Familie klar machte: »Ich musste etwas tun, was ich noch nie gemacht habe.« Sie heuerte als Trainee auf dem russischen Großsegler »Mir« an, studierte Nautik, segelt seit 2007 immer wieder auf der ROALD AMUNDSEN, auf unserem Törn als Steuerfrau, und führt heute im Hauptberuf als Kapitänin große Frachter durch internationale Gewässer. Ursprünglich hatte sie versprochen, mit Toppsgast Thommes an Deck argentinischen Tango zu tanzen, aber segeln heißt eben auch: Pläne machen und vom Wind verwehen lassen. Thommes, der eigentlich Thomas heißt und seinen Namen auf die blaue Mütze hat sticken lassen, sagt: »Alles auf See ist stärker als du, dagegen kommst du nicht an.« Im positiven Sinne hat er das erfahren dürfen: Als Binnenschifferkind in Duisburg-Ruhrort aufgewachsen, lernte er etwas »Richtiges« und wurde Versicherungskaufmann, betrat nie wieder ein Schiff.

Ein Freund brachte ihn, Jahre später, auf die »ROALD AMUNDSEN«: »Seitdem bin ich 16 oder 17 Törns gefahren, auch die Atlantiküberquerungen, habe die gesamte seemännische Ausbildung an Bord durchlaufen. Dieses Virus ist nicht ausrottbar – und ich hoffe, euch damit anzustecken.« Deshalb haben wir jeden Tag Unterricht. Mit bunter Kreide zeichnet Thommes aufs Holzdeck, wie das Rigg funktioniert, also die Masten und das Tauwerk eines Segelschiffes, wir lernen Knoten, was einfacher ist, als die seemännischen Begriffe zu behalten, dazu immer wieder die Sicherheit: »Wir befinden uns in einer lebensfeindlichen Umgebung. Das einzige, das unser Überleben sichert, ist das Schiff. Wer bei zehn Grad ins Wasser fällt und nicht sofort gefunden wird, überlebt nicht lange.« Und keine philippinischen Sicherheitsschuhe an Bord! Das ist der politisch völlig unkorrekte, aber anschauliche Name für Flip-Flops. In seiner Freizeit tanzt Thommes, spielt plattdeutsches Theater und schreibt gerade einen Roman. Natürlich geht es um die See. Dagegen kommst du nicht an. Morgens wird das Dingi, das Beiboot, klar gemacht. Vier Leute stemmen sich ins Gangspill, um die etwas müde Gummiwurst übers Schanzkleid – also die Bordwand – ins Wasser zu fieren. Toppsgast Gerina muss für ein paar Stunden an Land, um bei einer wichtigen Prüfung als Doktorandin der Biochemie an der Kieler Uni zu erscheinen. Keiner ihrer Profs, die mit Auto, Bus und Rad zur Arbeit fahren, wird verstehen, wo sie gerade herkommt. Es sei überhaupt ein Problem, anderen Leuten verständlich zu machen, dass Segeln bei ihr nichts mit einem Segelboot zu tun hat. Sie gehört zu den Zähesten in der Stammcrew, ihre Aktionen in der Takelage sehen manchmal aus wie Film-Stunts. Ihre Hände haben darum einen vollkommen unakademischen Look. Bei der Arbeit an den Tauen reißt die Haut einfach ab, »Bordlepra« nennen sie das hier. Bei längeren Törns entsteht später unempfindliche Hornhaut. Fürs Erste rückt Andreas, der eigentlich Polizist ist, aber auch Rettungssanitäter, mit Schere und viel Pflaster an.

Zu schnell geht die Woche um. Smut Theo, der sich und die Töpfe bei schwerer See in der Kombüse festbindet, hat uns die schärfsten Sachen gebraten, morgens frisch geschnippeltes Obst in großen Schüsseln aufgetischt, jeden Nachmittag Bleche mit frischgebackenem Kuchen serviert, und der Daumen war dann zum Glück doch nur fast ab. Wir haben gefroren und geschwitzt, selten geduscht, haben uns angestrengt und gefaulenzt, viel Kaffee getrunken, aber nur ganz wenig Bier, sind bis Dänemark gekommen, aber nicht alle haben es bis ganz nach oben in die Masten geschafft. Über Funk kommt die Nachricht, in Eckernförde sei nur noch ein Liegeplatz frei, genau einen Meter länger als die »Roald«, ohne Bugstrahlruder eigentlich ein unmögliches Manöver. Eine Woche war es laut an Deck, jetzt herrscht totale Stille. Jeder auf seiner Position. An Backbord die Leute mit den Fendern, rote Gummiballons und alte Autoreifen, auf denen noch mit gelber Kreide die Werkstattmarkierungen »VL« und »HR« zu erkennen sind. Drei erfahrene Crewmitglieder mit Wurfleinen für die Festmach-Taue, Kapitän und Steuerfrau auf dem Deckshaus, knappe Kommandos an den Maschinisten Andreas, der den getriebelosen Schiffsdiesel jeweils für Sekunden vorwärts oder rückwärts laufen lässt. »Zehn Grad Backbord!« Der Rudergänger wirft sich mit seinem gesamten Körpergewicht ins Steuerrad, Adrenalinexplosion für Sekunden: »Zehn Grad Backbord liegt an!« Dann wieder absolute Stille. Das Schiff gleitet fast lautlos auf seine Lücke zu.

An Land ist was los: Touristen, Windjammer-Fans, Opa und Enkel, die klassische Kombi Mann-Frau-Hund, wobei Mann Frau und Hund im Brustton geballten Nichtwissens erklärt, was man sowieso gerade sieht. Aber davon nimmt an Bord niemand Notiz. Sicher, sanft nehmen 480 Tonnen Stahl ihren Platz ein, in einem Rutsch, kein Hin und Her. Das beste Anlegemanöver, das sie je erlebt haben, sagen die, die immer wieder auf die »Roald« zurückkehren. Aber für diesmal ist es vorbei. Zum letzten Mal »Keramik«, das ist die schöne Umschreibung für Klos putzen, Erinnerungsfoto auf dem Klüverbaum, Umarmungen. Und was ist mit dem »LebenLernen auf Segelschiffen«? Als ich von Bord gehe, höre ich mich in überschwänglicher Herzlichkeit mit einem völlig fremden Taxifahrer reden, trage einer älteren Dame die Tasche zum Zug, bewundere mit anderen Reisenden im vollbesetzten Waggon die Schönheit der blühenden Rapsfelder. Im überschaubaren Laden eines Provinzbahnhofs verwirren Brötchenvielfalt, Getränkevarianten und grelle Schlagzeilen. Wo die Welt überall untergegangen ist in der letzten Woche, ist mir entgangen. Habe aber gestern noch zwei Menschen, eine junge Frau, einen jungen Mann, auf der Rah eines Untermarssegels sitzen gesehen, 20 Meter über dem Meer, Wind in den Haaren, Sonne im Gesicht, über denen gerade der Himmel aufging. Vielleicht nur für diesen einen Augenblick, aber manche Augenblicke gelten für immer.

Andreas Hub

 

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Stand: 18. Sep. 2014

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