Platessa von Esbjerg

Willkommen an Bord!

Es ist immer wieder ein Phänomen: Da gehen am Sonntagabend gegen 18.00 Uhr ca. 12 Menschen an Bord und versammeln sich erwartungsvoll um den großen runden Tisch in der Messe beim Skipper und seinen Bootsleuten. Sie kommen aus alles Teilen Deutschlands, Österreichs oder der Schweiz. Sie sind 8 bis über 70 Jahre alt und kommen aus den unterschiedlichsten beruflichen Richtungen. Sie sind Segelprofis, Meeresliebhaber und Neulinge zur See. Unterschiedlichste Beweggründe haben sie hier und heute zusammengeführt, um gemeinsam einen Törn zu segeln. Spannend ist es und bei denen, die schon zum wiederholten Male dabei sind, macht sich bereits die Vorfreude auf unvergessliche Tage breit. Nach der Vorstellrunde folgen das erste gemeinsame Essen, die erste Nacht in der Koje, das Schiffund Vorräteklarmachen und dann geht’s los: Schiff ahoi! Kaum sind ein paar Stunden auf See vergangen, die ersten Segelmanöver erlebt und die erste Verpflegungsrunde verputzt, da wächst etwas, unaufhaltsam und faszinierend: ein kleiner Segelkosmos, eine Großfamilie zur See. Im Vertrauen auf Wind und Wellen und das Können eines erfahrenen Skippers sind wir mit einem der schönsten Traditionssegler der Ostseeküste unterwegs und genießen die Langsamkeit dieser Art des Reisens in vollen Zügen. Neben den fachkundigen oder ganz neuen Handgriffen an Deck bleibt viel Zeit, die Elemente auf sich wirken zu lassen und mit den anderen ins Gespräch zu kommen. Da wird ganz nach Bedarf geklönt, gefachsimpelt, gespielt, gelacht, gesungen, Seemannsgarn gesponnen, gut zugehört, beraten. Da knüpfen jung und alt verschiedenste Bande, die mitunter auch über die Zeit des Törns hinaus zu ganz dicken Tauen werden. Alle spüren, dass sie hier und jetzt dazugehören, jede Hand und jedes Herz gebraucht wird, dass niemand ausgegrenzt wird. Du hast ein Handicap? Kein Problem! Willkommen an Bord!

 Hier kannst du im Auf und Ab der Ostsee die Seele auftanken, Nähe zulassen und genießen. Nach jedem langen Segeltag gibt es nach dem Anlegen im Hafen eine Runde: »Was habe ich heute erfahren, genossen, erlebt, gelernt? Was hat mich beeindruckt? Was hab ich mitgenommen?« Da kommt eine Menge zusammen. Wohlige Zufriedenheit macht sich breit, ein bewusstes Dankeschön für einen reichen Tag und natürlich die Vorfreude auf das bald folgende leckere Essen in der Messe oder an schönen sommerlichen Abenden an Deck. Denn auch das ist klar: Hier wird mit großem Vergnügen selbst gekocht und noch dazu superlecker! Da verwundert es auch nicht, wenn der, der vorhin noch im Motorraum ölverschmiert gewerkelt hat, nun mal eben für 16 Personen Pfannkuchen schwingt. Und nun? Kein Fernseher, kein Computer, Handys ausgeschaltet. Zeit für einen schönen Abendspaziergang in einem der malerischen Häfen der dänischen Südsee, ein Nickerchen an Deck, ein gutes Gespräch bei einem Glas Rotwein, ein Bad in der Ostsee, ein Buch lesen bis Sonnenuntergang, Spiele spielen, Segler vom Nachbarschiff kennen lernen, singen und Gitarre spielen bis tief in die Nacht? Du hast die Wahl! Solltest du anfangs ein wenig Angst gehabt haben, ob du denn wohl allen Herausforderungen eines Segellebens gewachsen sein wirst, so hat dir längst ein Bootsmann mit einer großen Portion Humor klar gemacht, dass sich das ganz von allein ergibt. Schließlich wirst du in diesen 7 Tagen nicht nur vom Wasser getragen. Nicht selten sind es die jungen Bootsleute, die den älteren »Neulingen« fachkundig verschiedenste Handgriffe erklären und beibringen. Und Tag für Tag wird klarer: Segeln ist mehr!

Nach all den Törns, die ich nun schon mitgesegelt bin, hat sich mein Magen immer noch nicht so ganz mit den gelegentlichen Turbulenzen angefreundet. Ab Windstärke 7 und einer gewissen Dünung ist Schluss! Aber auch darauf ist Verlass: Rasch ist ein lieber Mitsegler zur Stelle mit einer Pütz. Ich werde nie vergessen, wie sich einer unserer besonders lieben Bootsmänner nachts an Deck neben mich setzte, nachdem ich schon einige Stunden bei Windstärke 10 den Eimer in Händen hielt, und sagte: »Jane, das weißt du doch, nicht? Dass dich eine Menge Menschen sehr gern haben?« Da huschte dann doch über mein mit Sicherheit grünliches Gesicht ein kleines Lächeln über diese Worte, die mich die nächsten Stunden bis zum Einlaufen in den Heimathafen Eckernförde warmhalten würden. So fällt es dann am Ende auch nicht leicht, Abschied zu nehmen von allem: Eine letzte Runde, viele Umarmungen, ein Seesack voller Erinnerungen. Was nehme ich von all dem mit an Land? Für mich ist es das Gefühl, willkommen gewesen zu sein, Gemeinschaft und Toleranz erlebt zu haben. Diese wunderbare Erfahrung will ich als Landratte gern weitergeben. Habt Dank dafür und Tschüs bis zum nächsten Mal!

Christiane Miehe

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Stand: 18. Sep. 2014

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