Petrine

Kein Schaden am Schiff entstanden

Die 1909 gebaute PETRINE unternimmt regelmäßig weite Sommereisen und segelte schon nach Frankreich, Norwegen, Finnland, Russland, Schweden, Dänemark, England, Holland, Schottland. Im Juli 2008 ging es nach Irland, wo die Crew ausgerechnet am Geburtstag des Skippers erlebte, wie sich ein kleinerer Unglücksfall in ziemlich großes Glück verwandelte.
Heute ist Geburtstag, sogar Doppelgeburtstag, und wie immer an Bord, auch bei sieben Windstärken, wird er mit einem Ständchen und bunten Lichtern eingeleitet. Nachdem wir Achill Head gerundet haben, segeln wir schnell und in ruhiger See die Nordküste von Achill entlang. Um 2:00 Uhr fällt der Anker vor Bull‘s Mouth, der Nordeinfahrt in den Achill Sound. Dieser ist flach und steinig. Bull‘s Mouth beheimatet den stärksten Gezeitenstrom in Irland: bis zu acht Knoten. Um 5:20 Uhr, bei Hochwasser, fahren wir hindurch und suchen uns einen Ankerplatz im flachen Wasser. Dummerweise slippt der Anker und um 7:00 Uhr sitzen wir fest, vermutlich auf Steinen. Ganz ungemütlich. Das Wasser läuft zügig ab und ganz dicht bei auf Steuerbordseite ist Schrott zu erkennen.
Wir feiern erst mal weiter die Geburtstage. Ein ausgiebiges Frühstück im geschmückten Salon. Anschließend sehen wir klarer: Wir sind auf einer Muschelzucht gelandet und der Schrott an Steuerbordseite ist ein von unserm Anker zerstörter Austernkäfig. Auch das Schiff selbst steht mit seinen 100 Tonnen auf Austernkäfigen. Es wird uns blümerant. Eine Landerkundung mit dem Beiboot ergibt, dass wir bei Hochwasser an einer einsam gelegenen Pier in einer Flussmündung festmachen können. Die Insassen des dort parkenden
Autos fragen, wie wir dorthin gekommen sind, wo wir uns jetzt befinden und ob Schaden entstanden sei. Ja, ein Austernkäfig ist mindestens kaputt. Nein, ob Schaden am Schiff entstanden sei. Nein, kein Schaden am Schiff. Den Anker, der sich im Käfig verfangen hatte, haben wir herausgesägt und der Stahlrumpf soll es wohl vertragen können. Sie fahren von dannen mit dem Auftrag, dem Eigner der Austernbänke Bescheid zu sagen.
Um 15:00 Uhr schwimmen wir mit dem steigenden Wasser von den Austernbänken auf. Wir gehen zu Anker, kontrollieren, ob die Schraube frei dreht und starten die Maschine. Um 15:45 Uhr nehmen wir Kurs auf die zuvor erkundete Pier von Bunacurry. Von Weitem ist zu erkennen, dass dort jetzt eine ganze Reihe von Autos herumstehen und ein Pulk Menschen außerdem. Darunter auch eine Anzahl Uniformierter. Zoll, Grenzbeamte und Polizei sind vertreten. Was ist passiert? Schaden? Ja, mindestens ein Austernkäfig. Nein, ob Schaden am Schiff entstanden sei.
Dann verläuft sich das Gespräch in Anekdoten aus dem Polizistenleben. Wir landen bei einem vor 30 Jahren untergegangenen Fischkutter aus Keel auf Achill Island. Ich war 1978 dort, als das ganze Dorf trauerte. Der Polizist ebenfalls, denn er ist aus Keel. By the way, um was geht es eigentlich bei dieser Kontrolle? Oh, nichts Besonderes, unser Schiff sei ja nun mal was Besonderes, so ein Schiff sei noch nie in Bunacurry eingelaufen. Ob wir nicht an die Pier verholen möchten, das Wasser sei gestiegen.

Polizei, Zoll und aufgelaufene Menschenmenge packen mit an, ein Fischer spielt Schlepper und so liegen wir um 16:30 Uhr Längsseite. Das ermöglicht dem örtlichen Kindergarten das Übersteigen und die mutigeren Besucher nehmen ebenfalls die Gelegenheit wahr. Wir sind mitten in Irland, das beweist ein Blick in die Menschenansammlung auf der Pier: Kleine, rothaarige, sommersprossige Kinder, junge Männer mit freundlichen Augen und energischem Kinn, alte Männer im Ausgehanzug mit Krückstock und karierter Mütze. Sie mustern mit schief gelegtem Kopf und kritischem Blick wohlwollend das Segelschiff. Das größte Schiff, das je in Bunacurry eingelaufen sei. Und überhaupt wonderful.
Als die Polizei sich verabschiedet, kommen wir noch einmal auf die Austernbänke zu sprechen. Schaden? Ja, mindestens ein Austernkäfig. Nein! Ob Schaden am Schiff entstanden sei. Nein, aber … Don‘t worry, good bye. Etwas verwirrt wenden wir uns wieder den Geburtstagen zu. Das Wetter ist mittlerweile recht freundlich geworden, der starke Südwestwind hat nachgelassen. Wir wollen grillen. Aber wo? Auf der Pier ist eigentlich kein Platz mehr. Überall sind Menschen, denn die Kindergartenkinder sind mit Familie und Nachbarn zurückgekehrt. Wir bauen den Grill auf, schleppen Salate und Bier heran, was allgemeine Zustimmung hervorruft. Alle, die mögen, besichtigen das Schiff, wir erzählen von unserer Reise und beantworten Fragen. Alle wollen wissen, was für ein Segelschiff dies sei und warum wir damit einen so weiten Weg nach Bunacurry gesegelt seien.
Eine Stunde vor Sonnenuntergang, das Licht hat genau die richtige magische Färbung, wird es völlig windstill. Im Osten sind die Berge von Mayo, im Süden und Westen die Berge von Achill Island zu sehen. Der Besucherstrom ebbt etwas ab, unsere Frauen üben sich im Chorgesang, der Grill arbeitet auf Hochtouren, Salatschüsseln und Bierkiste leeren sich. Als es dunkel wird, nähert sich ein letztes Auto, der Fahrer steigt aus und schlendert auf uns zu. Michael sein Name, er
sei der Besitzer der Austernbänke. Ob Schaden entstanden sei. Ja, mindestens ein Austernkäfig sei zerstört, weil unser Anker … Nein, ob Schaden am Schiff entstanden sei. Wohl nicht, soweit haben wir bislang nichts bemerkt. Ob wir die Austern mitgenommen hätten? Nein! Nicht doch! Er verdreht etwas genervt die Augen. Dann müsse er wohl welche holen. Als Michael zurückkehrt, hat er einen Sack voll Austern und ein Werkzeug zum Öffnen dabei. Ausführlich bekommen wir erklärt, wie so eine Auster fachmännisch geöffnet wird und tatsächlich klappt es danach auch ganz gut. Wir sitzen noch eine Weile auf der Pier herum, schlürfen Austern und versuchen zu begreifen, was passiert ist.

Jochen Storbek

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Stand: 18. Sep. 2014

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