Mytilus

Noch ist es unser Schiff

Die Mytilus ist ein 14 Meter langer Kutter, der vor allem mit Pfadfindergruppen unterwegs ist. Im heißen Fußballsommer 2010 machte der Christliche Pfadfinderbund Saar eine Segelreise mit neun 17und 18-Jährigen von Greifswald in das schwedische Västervik. Wolfgang Heisel schrieb seine Erlebnisse auf.

 

Samstag
Der Törn beginnt in Greifswald. Oppa, unser Skipper, würde gern heute noch auslaufen, doch wir müssen noch einkaufen, stauen, und Fußball wollen wir ja auch noch sehen – WM-Spiel, Deutschland gegen Argentinien. Im Supermarkt schieben wir drei Einkaufswagen. So viel, wie irgendwie reingeht, wollen wir in das Schiff packen. Bloß unterwegs nicht einkaufen müssen, denn wenn wir schon mal die Möglichkeit haben, unabhängig zu sein, wollen wir uns auch wirklich keine Gedanken über Essenbesorgen mehr machen müssen. »Wie viel Mehl brauchen wir denn?« »Ist doch egal. Pack einfach noch ein bisschen mehr ein.« Wieder am Schiff sind unsere Nachzügler Jochen und Johei endlich auch da. Die Mannschaft ist komplett. Wir verstauen unseren Kram, dann Fußball. Deutschland gewinnt 4:0.

Sonntag
5:00 Uhr morgens! Warum eigentlich, zur Hölle, 5:00 Uhr morgens? Ach so, von hier bis Bornholm gibt’s kein Land. Das war der Grund, warum jetzt schon Wecken angesagt ist. Anziehen. Alle Mann an Deck. Um 5:30 Uhr legen wir ab. Zunächst noch unter Motor gibt es erst nach dem Ablegen Frühstück. Das Schokomüsli ist viel zu süß und will irgendwie nicht rein. Klar, ist ja auch viel zu früh zum Essen. Unter Segel geht es aus der Greifswalder Bucht. Die MYTILUS dümpelt vor sich hin und schaukelt viel zu viel, bei so wenig Wind. Wir witzeln über Erics blasse Nase und erfreuen uns am Hau-Ruck, mit dem wir die Segel setzen. Flaute ist fies. Dann kommen gemeine Wellen von schräg hinten. Mir geht es gut. Bis ich auf dem Vorschiff eine Klampe belege.

Montag
Schon wieder Flaute. Schon wieder sind wir um 5 Uhr aufgestanden. Etwas resigniert werfen wir den Motor an. Wir haben keine andere Wahl. Heute noch müssen wir die schwedische Küste erreichen. Motoren ist langweilig. Oppa hantiert mit dem Schlauch, den es hier zum Lenzen und Feuerlöschen gibt, an Deck rum. Als ich das nächste Mal hinschaue, haben wir eine Dusche auf dem Vorschiff. Gute Idee! Es ist eh viel zu heiß. Aus Langeweile werden Ideen. Was fehlt ist ein Pool an Bord. Aber wofür haben wir denn ein Schlauchboot? Irgendwann kommt dann auch wieder Wind auf. Stunden später bricht langsam die Dämmerung herein. Am Horizont vor uns taucht ein schmaler Streifen Land auf. »Könnt ihr das riechen?« Der Duft von Kiefern liegt ganz leicht in der salzigen Luft. »Das ist Schweden.« »Wann sind wir da?« »In zwei bis drei Stunden.«

Dienstag
Ausschlafen. Die letzten drei Tage haben unendlich viel Kraft gekostet. Heute machen wir erst mal gar nichts. Schlafen bis zehn. Danach baden. Aber eigentlich ist
es dafür viel zu kalt. Kein schönes Wetter, mit dem uns Schweden empfängt. Wir laufen aus und haben zum ersten Mal richtig viel Wind. Der Kahn geht ab. Boje über Bord! Oppa hat natürlich genau jetzt die Boje von Bord gehen lassen. Keine Ahnung wie ein Mann-überBord-Manöver wirklich abläuft. Aber ich weiß natürlich, was ich zu tun habe. Jeder hat jetzt seinen Posten und macht nur genau das, was er soll. Wir fangen unsere Boje wieder ein. Also alles noch mal gut gegangen! In welche Richtung geht es weiter? Ich scheine nicht der Einzige zu sein, der sich nach dem Manöver neu orientieren muss.

Mittwoch
Kalmarsund. Die Wasserstraße zwischen dem schwedischen Festland und der Insel Öland ist viel breiter, als ich gedacht hätte. Ziemlich genau in der Mitte fahren wir dahin, links und rechts gerade ein kleiner Streifen Land am Horizont. Unser Ziel für heute: Kalmar. Einmal in der Mitte unseres Törns in einen Hafen, ein wenig Landgang und natürlich wieder Fußball. Verrückt. Zu Hause wäre mir das Spiel vielleicht sogar egal, aber auf dieser Fahrt
hat es sich eingebürgert, dass wir Fußball sehen wollen. Es passt aber auch wunderbar in unseren Plan. Wir machen wieder Strecke. Bis zu unserem Ziel nach Västervik ist es noch weit.
Der Wind kommt von hinten und schiebt uns problemlos mit 5 Knoten nach Norden. An Deck hat sich Routine eingestellt: süßes Nichtstun mit Buch oder Gitarre oder Navigation und sich am Ruder gegen die Wellen stemmen, die MYTILUS immer wieder für kurze Momente vom Kurs abbringen.
Ich sitze auf einer Schaukel, die über der Ostsee hängt. Wenn ich mich nur ein wenig strecke, kann ich mit den Sohlen meiner Wanderschuhe Wasserski fahren. Vor mir nichts als Wasser und strahlend blauer Himmel. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich das Schiff, das mit seinem schwarzen Bug die fast glatte See durchschneidet. Aber ich lehne meinen Oberkörper so weit es geht zurück. Lege den Kopf in den Nacken. Das Meer wird zum Himmel und der Himmel zum Meer unter mir. Ich scheine zu fliegen.

Donnerstag
Die Wege zwischen den Schäreninseln sind eng. Sehr eng. Wir fahren unter Motor Tonnenslalom. Ich kann nicht sagen, wie viele Inseln wir passieren, bis wir irgendwo in diesem Labyrinth unseren Ankerplatz finden. Mit der Nase des Schiffes, dem Klüverbaum, voran, tasten wir uns an einen Felsen heran. Wir vertäuen die MYTILUS an zwei Kiefern. Unseren Kuchen für heute gibt es oben auf dem Felsen. Am Abend auch noch ein kleines Feuer und Singen. Seltsam, ich habe genau hier das Gefühl, angekommen zu sein. Ein schönes Gefühl nach den Tagen des Getriebenseins. Zum ersten Mal auf dieser Fahrt fiese Stechmücken.

Freitag
Die riesige Motoryacht zieht in vollem Tempo einfach so an allen Schiffen und Booten vorbei. Eine fette Welle rollt auf uns zu.
Ich drehe den Bug in ihre Richtung und es knallt richtig, als der Rumpf der MYTILUS wieder zurück ins Wasser klatscht. Verwunderlich, dass die kleine Jolle neben uns nicht gekentert ist. Wir laufen in Västervik ein. Für einen letzten Abend ist die MYTILUS unser. Morgen übergeben wir das Schiff an unsere Mädchengruppe, die von hier aus weiter Richtung Norden segeln wird. Aber noch ist es unser Schiff.

Wolfgang Heisel

Mytilus2

 

Mytilus

Name: Mytilus
Eigner: Mytilus — Verein zur Erhaltung und Nutzung eines Historischen Segelschiffes für Pfadfindergruppen e.V
Webseite: http://www.mytilus.de
Heimathafen: Hamburg
Baujahr: 1939
Ort: Tönning, D.
Breite: 4,22 m
Tiefgang: 1,75 m
Segelfläche: 160 m2
Verwendung: Traditionelle Seefahrt mit Pfadfinder- & Jugendgruppen
Besatzung: 12 Personen
Stand: 18. Sep. 2014

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