Ewer Gloria

Es begann in Elmshorn

Zu seinen Spitzenzeiten war er der drittgrößte Getreideumschlag-Hafen des Deutschen Reiches: Der Hafen Elmshorn an der Krückau – einem heute eher beschaulichen Nebenfluss der Elbe. Alte Bilder zeigen einen mittelgroßen Werftbetrieb, auf dem 1898 die GLORIA gebaut wurde. Auf Postkartenbildern von um 1900 sieht man einen Mastenwald von kleinen Ewern im Hafenbecken. Heute gibt es wieder eine Museumswerft, ein altes Binnenschiff und den kleinen Ewer GLORIA im Elmshorner Hafen. Den Ewer verdanken wir Schiffsliebhabern, die ihn vor dem Hochofen retteten und vielen Helfern, die das Kulturdenkmal seither pflegen und es durch Fahrten erhalten. Und das kam so: Elmshorner Ämter, Behörden, Privatleute und Unternehmen wollten an die alten Zeiten des Hafens anknüpfen und dort wieder maritime Aktivitäten aufleben lassen. Dafür gab es viele Gründe: Der leere Hafen war ständig Gegenstand öffentlicher Diskussionen, weil die Bevölkerung mit ihm starke Emotionen verband. Im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wollte man Jugendliche ohne Ausbildungsplatz mit der Restaurierung alter Schiffe sinnvoll beschäftigen und ihnen grundlegende Fertigkeiten vermitteln. Und es sollte ein Schiff mit Bezug zu Elmshorn wieder »nach Hause« geholt und zur Freude der ganzen Stadt restauriert werden. Am 2. August 2001 lief die GLORIA im Elmshorner Hafen ein. Schnell fanden sich pensionierte Werftarbeiter zur Mitarbeit ein, die altes Handwerk an die Jugendlichen vermitteln wollten. Andere Elmshorner schlossen sich an, um das seemännische Handwerk wieder zu erlernen, mit dem schon ihre Vorfahren das tägliche Brot verdient hatten. Und viele andere, die sich das Fahren mit einem Ewer gar nicht mehr vorstellen konnten, nutzten und nutzen noch heute die Möglichkeit, so ein altes Schiff unter Fahrt zu erleben. Immer wieder hört man von Elmshornern, dass sie noch nie auf dem Fluss ihrer Heimatstadt unterwegs waren und erst recht nicht zum Segeln auf Elbe, Nordoder Ostsee. Dabei gibt es bei einer Flussfahrt viel zu sehen: Immer wieder tauchen alte, kaum noch zu identifizierende Bauwerke auf, alte Häfen werden in Erinnerung gerufen, in denen moderne Schifffahrt mit ihren großen Pötten nicht mehr stattfinden kann.

Erst auf den zweiten Blick wird vielen Gästen deutlich, dass sie auf einem ganz besonderen Ewer fahren. Zwar ist der Holzboden, mit dem GLORIA 1898 erbaut wurde, inzwischen durch Stahl ersetzt und der Laderaum für die Menschen schlicht und zweckmäßig nutzbar gemacht worden. Jedoch unverändert erhalten blieb das wundervolle und für ein Schiff mit einer Länge über alles von nur 15,56 m völlig ungewöhnliche Heck. Nach wie vor ist es über der Wasserlinie original genietet und rund und bauchig wie bei einem alten Ozeandampfer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Beim Bau des Bodens nutzte man das biegsame Material Holz, doch für die Langlebigkeit musste der Rumpf aus Stahl sein. Jedoch war der 1898 verwendete Stahl zu spröde, um ihn im rechten Winkel abzukanten, ohne dass er brach. Aus diesem Grund kam auch das zur damaligen Zeit vertraute Spiegelheck nicht infrage. Man wählte die aufwändige Konstruktion eines Rundhecks, die noch heute der GLORIA eine für einen Ewer völlig ungewöhnliche Eleganz verleiht. Natürlich führt diese bemerkenswerte und auch innen nicht verbaute Konstruktion bei unseren Gästen zu vielen Fragen, die wir immer wieder gerne beantworten.

Als GLORIA dann im Jahr 2004 die ersten Fahrten machen konnte, fand dies in der regionalen Presse ein enormes Echo. Und auch die Bevölkerung nahm regen Anteil. Voll Begeisterung fuhren Jung und Alt mit GLORIA auf der Krückau und Elbe und man konnte oftmals hören »Damals hatten wir …«. Heute ist es Aufgabe unserer Generation, ihr maritimes Wissen, ihre Erfahrung und ihr Können an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Ein gutes Beispiel ist hierbei die Wende der GLORIA: GLORIA fuhr auf der Elbe mit Großsegel und der Fock als Vorsegel. Eine Wende wurde bei Windstärke drei so eingeleitet, wie wir es beim Erwerb des Segelscheines gelernt hatten. Erst ließ es sich auch gut an, das Schiff drehte sich in den Wind. Jedoch wurde es immer langsamer und im Wind kam die Drehbewegung fast zum Stillstand. Mit einiger Mühe gelang es, den Bug gaaaanz langsam durch den Wind zu bekommen. Doch kaum hatte GLORIA den Wind ein wenig von der Seite, fing sie an, sich wie ein Kreisel zu drehen. Dabei entwickelte sie so viel Drehmoment, dass sie sich flugs um 360° drehte. Am Ende lag sie also im Wasser wie vor der Wende, aber natürlich ohne jede Fahrt voraus. Großes Erstaunen mit passenden Gesichtern bei der Crew! Wir retteten die Situation mit dem Motor. Seither lassen wir das Vorsegel bei der Wende flattern und holen es erst wieder dicht, wenn die GLORIA brav am Wind liegt. Jeden Yachtsegler graust es, und das ging uns zu Anfang genauso, aber unsere Vorfahren müssen es wohl auf dieselbe Weise gemacht haben.

So lernen wir immer wieder dazu und sind damit sicherlich noch nicht am Ende auf unserer wendigen Gloria

 

Ulrich Grobe

 

gloriagloria3 gloria2 gloria-riss

Name: EWER GLORIA
Eigner: Ewer GLORIA e.V. Elmshorn
Webseite: http://www.ewer-gloria.de
Heimathafen: Elmshorn
Baujahr: 1898, restauriert 2001 - 2008
Länge: 15,56 m
Breite: 5,10 m
Großmast: - m
Tiefgang: 0,64 m
Maschine: Vetus-Deutz, 4 Zyl., 106 PS
Verwendung: Segel- und Motorfahrten auf der Elbe
Besatzung: 16-21 Passagiere
Stand: 18. Sep. 2014

standardPostTransition
Perhaps the network unstable, please click refresh page.