Franzius

Das medizinische ABC für Segler

Zwei Tage lang übten Stammcrewmitglieder der FRANZIUS, »Esprit« und weiterer Traditionssegler, was im Notfall an Land und auf See zu tun ist.

Ein Wochenende voller Herzinfarkte, ausgekugelter Gelenke, Bewusstlosigkeit und Seekrankheit – wer tut sich das schon gerne an? Gut 20 Segler widmeten sich mit Feuereifer diesen Themen im Lehrgang Medizin auf See, der kurz nach dem Abriggen das Winterausbildungsprogramm 2013/2014 des Weserkahn FRANZIUS e.V. einläutete.
Nicht zum ersten Mal gab die Berliner Notärztin und Seglerin Dr. Almuth Meyer gemeinsam mit Ingo Ahrens und Uwe von Bremen, Sicherheitsund Fortbildungsbeauftragte auf der FRANZIUS, ihr Wissen für den Ernstfall weiter. Zur Praxisnähe trugen ihren eigenen (Notfall-) Erfahrungen als Seglerin, aber auch die praktischen Übungen auf der FRANZIUS bei.
Die Wiederholung der Erste-Hilfe-Grundlagen bot den Einstieg in den zweitägigen Kurs: Ansprechen, Bewusstseinskontrolle, stabile Seitenlage einfacher als die meisten sie
in Erinnerung hatten und gegebenenfalls Wiederbelebungsmaßnahmen. Grüne und rote Lämpchen am »Reanimations-Dummy« signalisierten den eifrig übenden Ersthelfern, wann ihre Herz-Druck-Massage Aussicht auf Erfolg versprach und weckten den Ehrgeiz, möglichst oft »grün« zu sehen. Schmunzelnd erinnerte Seminarleiterin Meyer daran, dass es in der Realität keine Kontrolle gebe, ob das, was man tue, erfolgversprechend sei, aber »Hauptsache, ihr tut etwas!«. Nichts tun sei im Fall der Fälle immer das Schlimmste.
Die regelmäßige Wiederholung des »Notfall-ABC« diente dazu, sich die Primärkontrollen beim Auffinden eines Verunglückten rasch ins Gedächtnis rufen und durchführen zu können: Airway, Breathing, Circulation – zu Deutsch: Atmungs-, Bewusstseinsund Kreislaufkontrolle.
Schnell wurden die Themen dann bordspezifischer: Was zum Beispiel tun bei Unterkühlung, die im schlimmsten Fall bei oder nach einem Mann-über-Bord Manöver, aber auch einmal so an Bord rasch eintreten kann. Die Seminarteilnehmer lernten die Phasen Erregung, Erschöpfung und Lähmung einer Unterkühlung unterscheiden zu können und entsprechend zu handeln. Diskussionen entstanden zum Beispiel darüber, wie man bei einer Temperatur von bei 0,3 bis 4,5 Grad bis zu 30 Minuten überleben können soll. Nahezu unvorstellbar in dem behaglichen Tagungsraum im Vegesacker Traditionsschiffhafen.

Regelmäßig erinnerte die Seminarleiterin ihre NotfallAzubis daran, wie elementar wichtig »No Stress«, also Ruhe bewahren, sei. »Versucht auch herauszufinden, was passiert ist«, empfahl Co-Ausbilder Ahrens, der im Laufe des Wochenendes hin und wieder mal »zusammengebrochen« auf dem Boden lag und überzeugend den Bewusstlosen mimte, dem Schmerzreize gesetzt, Vitalfunktionen überprüft und Diagnosen gestellt werden konnten. Ob er wohl aus dem Mast gestürzt ist? Oder den Niedergang hinunter? Ist bekannt, welche Vorkrankheiten das verunglückte Crewmitglied hat oder welche Medikamente es nimmt? Genau solche Fragen sollten immer schon vor Törnbeginn geklärt sein, rät Almuth Meyer. Fragen des Skippers an seine Crew wie »Könnt ihr beim Autofahren lesen?« seien gute Indikatoren dafür, wer möglicherweise leicht seekrank werde. Nahezu jeder konnte zu diesem Themenblock etwas aus eigener Erfahrung beitragen und einmal mehr bewährte sich, als Seminarleiterin eine Seglerin zu haben, die neben den medizinischen auch Tipps aus persönlicher Erfahrung geben konnte ganz gleich ob Hausmittel oder Medikament. Wo bei Seekrankheit noch jeder ein wenig beizutragen hatte, hören die Erste-Hilfe-Fähigkeiten schnell auf bei Infarkten, inneren Blutungen und vielen weiteren Symptomen, die auch der geschulte Segler nicht unbedingt zuzuordnen vermag. Im Zweifelsfall sei immer frühzeitig die Seenotrettung zu informieren, schärften die Ausbilder ein und demonstrierten, wie hier ein Funkarztgespräch mit Medico Cuxhaven weiterhelfen kann. Simuliert wurde so lange, bis die Beschreibungen des übenden »Skippers« (Kursteilnehmer) der Symptome des perfekt simulierenden »Patienten« (Ingo Ahrens) immer präziser wurden und der diensthabende Arzt am anderen Ende der Funkverbindung (Dr. Almuth Meyer) konkreter und schneller erfolgen konnten. Dass Übung auch hier den Meister macht, waren sich die Kursteilnehmer nach den Simulationen einig – auch wenn niemand in den Ernstfall kommen möchte. Praktisch üben konnte jeder beim Setzen einer Wundnaht. Topfschwämme als Versuchsobjekte eigneten die Aufgabe auch für diejenigen, denen beim Anblick einer Wunde gleich ganz anders wird. Beängstigend praktisch auch die Übungen an Bord des Weserkahns: An den (pseudo-)zusammengebrochenen Co-Seminarleiter hatten sich die Kursteilnehmer spätestens am zweiten Seminartag schon fast gewöhnt – doch was tun bei der leblosen Gestalt auf dem Salonboden der FRANZIUS (eine Übungspuppe aus der Rettungsassistenz)? Wie man sie vorsichtig auf eine Tragedecke hievt, den Niedergang hochbefördert möglichst waagerecht und ohne ihr zusätzliche Verletzungen zu bescheren und anschließend den Abtransport vorbereitet, wurde durchgesprochen und geübt. Doch, unbelehrbare Puppe, kurz darauf lag sie zusammengebrochen schon wieder im Kabelgatt. All dies waren gelungene Übungen für alle Segler auf der FRANZIUS aber auch der anderen Schiffe, ebenso wie das Erläutern des Erste-Hilfe-Kastens der FRANZIUS. Wie funktioniert die Farbsystematik? Und wo ist überhaupt der Standort des Kastens? Ein weiteres Highlight war der Exkurs zum Thema Brandbekämpfung – an Bord wie auch allgemein. Ingo Ahrens schilderte anhand von Videomaterial eindrucksvoll, wie schnell sich ein Feuer ausbreitet, die Temperatur innerhalb von weniger Minuten auf mehrere Hundert Grad ansteigt und wie rasend schnell ein wenig Sauerstoffzufuhr zum fatalen »Flash Over« führt. Sensibilisiert für die Gefahren des (Bord-) Alltags und mit viel praktischen Anleitungen und Wissen ausgestattet, waren sich die Kursteilnehmer absolut einig, wie wichtig ein derartiger Lehrgang sei, wie toll und praxisnah er gestaltet wurde und dass man ihn eigentlich viel öfter besuchen müsse. Kein Problem, der Winter fängt ja gerade erst an!

Kristina Müller

 

franziusfranzius2 franzius3

Name: Franzius
Eigner: Bremer Weserkahn Franzius e.V.
Webseite: http://www.franzius-weserkahn.de
Heimathafen: Bremen
Baujahr: 1999
Länge: 23 m
Großmast: 21,95 m
Tiefgang: 1,25 m
Segelfläche: 273 m2
Verwendung: Förderung des traditionellen Segelsports sowie der Erhaltung kulturellen & maritimen Erbes der Freien Hansestadt Bremen
Besatzung: 4 Stammcrew, 16 Trainees
Stand: 18. Sep. 2014

standardPostTransition
Perhaps the network unstable, please click refresh page.