Atlantic

Das Traditionsschiff Atlantic in schwerer See

Im Jahr 1988 hatte Harald Hanse seine ATLANTIC wie jedes Jahr zur Teilnahme an der »Cutty Sark Tall Ship’s Race« von Karlskrona über Helsinki und Mariehamn nach Kopenhagen angemeldet. Die ATLANTIC war 1988 das einzige Traditionsschiff aus Vegesack und aus Bremen überhaupt, das an dieser Regatta teilnahm. Sie hatte einen Ruf zu verteidigen, schließlich hatte sie zwei Jahre zuvor in der Klasse B gewonnen.

Die ATLANTIC war von Vegesack über Flensburg ins schwedische Karlskrona gefahren, dem Treffpunkt für alle Teilnehmer an dieser »Cutty Sark Tall Ship’s Race 1988«. Hier hatte sich ein wahrhaftiges internationales Geschwader von Traditionsschiffen und Seglern eingefunden.
Von Karlskrona aus startete die erste Regatta nach Helsinki. Die Distanz betrug 425 Seemeilen. Diese Reise verlief völlig unproblematisch und nach der Ankunft verpasste die Besatzung keine der ausgiebigen Feiern.

Nach der üblichen dreitägigen Liegezeit in Helsinki ging es weiter über 180 Seemeilen nach Mariehamn auf den Åland-Inseln, dem Startort für den zweiten Regatta-Abschnitt nach Kopenhagen. Hier wurden fünf junge Finnen als weitere Crewmitglieder an Bord genommen.

Es ist eine gute Tradition bei diesen Rennen, Teile der Besatzungen untereinander auszutauschen, um die Begegnungen zwischen den Nationen zu fördern und auch einmal andere Schiffe kennenzulernen.

Die Regatta von Mariehamn nach Kopenhagen war auf fünf Tage für eine Distanz von etwa 455 Seemeilen ausgelegt. Für ein Schiff wie die ATLANTIC also gut machbar: 90 Seemeilen pro Tag auf dem kürzesten Weg, auch wenn ein Schiff unter Segeln fast niemals auf der kürzesten Distanz sein Ziel erreichen wird. Die Abhängigkeit von Windrichtung und der Windstärke zwingt den Segler, häufig den Kurs anders zu setzen, um den optimalen Vortrieb zu erreichen. Und die Maschine darf bei einer Segelregatta selbstverständlich nicht angelassen werden.

Die Wettervorhersage hatte südöstliche Winde bis sechs Windstärken angesagt, ideal für die ATLANTIC und den Südsüdwest-Kurs um Südschweden herum nach Kopenhagen. Aber manchmal gibt es eben auch Abweichungen von den Vorhersagen der »Meteorolügen«.

In den ersten 24 Stunden stimmte die Wettervorhersage. Das Schiff machte gute Fahrt und die Mannschaft konnte bei den nachts abflauenden Winden sogar ein Reff aus den Segeln nehmen. Am zweiten Regattatag aber drehte der Wind stetig zunehmend über Süd und West auf Nordwest. Die Segel wurden wieder gerefft.
Während der aus Süd drehenden Winde musste der Kurs in östliche Richtung geändert werden, da westlich die Gefahren der schwedischen Schären lauerten. Durch die drehenden und stärker werdenden Nordwest-Winde entstand ziemlich schnell ein ungewöhnlich starker Seegang. Durch die noch von den Südwest-Winden herrührende Dünung entstanden Kreuzseen mit für die Ostsee ungewöhnlichen Größen und Wellenlängen, die ziemlich genau der Länge der ATLANTIC entsprachen.

Die Folge war, dass das Schiff in jede Welle ging, kaum noch Fahrt aufnehmen konnte, dafür aber gehörig durchgeschüttelt wurde. Die Vorsegel waren bis auf die kleine Fock geborgen worden, eine schwere und gefährliche Arbeit, bei der die jungen Segler im Fangnetz unter dem Klüverbaum zum Teil über und zum Teil unter Wasser stehend ganze Arbeit leisteten. Später beschrieben sie das so: »Du stehst in einem Fahrstuhl, der immer schneller wird, und hast das Gefühl, die Bremse geht nicht!« Jedenfalls hatten die jungen Männer nach Abschluss der Arbeiten die Vorsegel gut an dem sieben Meter langen Klüverbaum festgemacht.

Der Wind hatte zwischenzeitlich zugenommen bis zu Windstärke neun mit Böen um elf aus Nordwest. Das Schiff war etwa auf der halben Höhe querab Gotland, aber deutlich östlich davon. Durch das Rollen und Stampfen machte es kaum noch Fahrt auf Kurs, sondern trieb langsam auf die Küste Lettlands zu ein Gebiet
der Sowjetunion, von dem es keine Seekarten gab. Und es war auch nicht ratsam, sowjetisches Territorium zu verletzen.

Und plötzlich war ein Bersten und Krachen vom Vorschiff her zu hören und es lag sehr viel weißes Segeltuch an Deck. Das waren die Segel, die von der Mannschaft am Klüverbaum befestigt worden waren. Und durch die Luft über dem Vorschiff flogen Drahtseile, an denen noch die Stagreiter des Vorsegels mit Teilen davon hingen. Ganz offensichtlich war der Klüverbaum gebrochen und lag nun mit allen Vorsegeln auf dem Deck des Vorschiffes.

Der Klüverbaum mit den daran festgemachten Segeln war wohl tief in eine Welle getaucht und hatte beim Auftauchen eine so große Wassermasse mitgenommen, dass der hölzerne Klüverbaum brach und er durch den Zug der Vorstage und seinen eigenen Auftrieb an Deck gezogen worden war. Nur gut, dass die jungen Segler vorher mit ihrer Arbeit fertig gewesen und wieder auf dem Schiff waren. So gab es keine Verletzten bei dieser Havarie. Durch dieses Vorkommnis aber verlor das Schiff weiter an Fahrt und die Abtrift in Richtung sowjetische Küste nahm weiter zu.

Der Skipper und Eigner der ATLANTIC, Harald Hanse, traf daraufhin die Entscheidung, die Maschine anzulassen und das Schiff von der Regatta abzumelden.

Am nächsten Tag wurde im Funkverkehr der Fischfang-Flotte der DDR vom schlimmsten Sturm und der höchsten Dünung in den letzten fünfzig Jahren gesprochen.

Die ATLANTIC nahm Kurs auf Ystad. Dort wurde der Klüverbaum notdürftig repariert, dann ging es weiter nach Kopenhagen. Dort kam es als letztes Schiff des Regattafeldes an – und nicht wie geplant als erstes. Shit happens.

Heinz-Konrad Reith

 

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Name: TS Atlanticegesack
Eigner: Harald Hanse
Webseite: http://www.ts-atlantic.de
Heimathafen: Bremen-Vegesack
Baujahr: 1871
Länge: 22 m
Breite: 5,1 m
Großmast: 22 m
Tiefgang: 3 m
Segelfläche: 245 m2
Verwendung: Fahrten als Traditionsschiff
Stand: 18. Sep. 2014

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