Anna Lisa

Auf den Spuren einer verlorenen Idylle

Reportage vom und über das Projekt »Bildungsschiff Niederelbe«

Der Wecker klingelt um halb fünf, es dämmert schon. In einer halben Stunde ist Hochwasser im Museumshafen von Wischhafen. Nur bei Hochwasser, also zweimal am Tag, hat die ANNA LISA – Tiefgang 1,50 Meter – die Möglichkeit, den flachen Hafen zu verlassen und auf die Elbe hinauszufahren. Nicht weit von hier, in Wewelsfleth an der Stör, wurde das Schiff 1906 als stählerner Besanewer, damals noch ohne Maschine, auf der Junge-Werft zu Wasser gelassen. 20 Meter lang und fünf Meter breit, mit einem platten Boden und zwei Masten. Zwei Seitenschwerter als Kielersatz, backund steuerbords in der Mitte des Rumpfs angebracht und separat über Winden herunterklappbar, sorgen dafür, dass man mit dieser »Riesenstahlschüssel« in die gewünschte Richtung übers Wasser fahren kann.

Vor gut 100 Jahren hatte die Elbe noch eine maximale Tiefe von sieben Metern. Die ANNA LISA – oder MATHILDE, wie sie damals noch hieß – war damit wunderbar an die flachen Tidegewässer der Unterelbe angepasst. Sie bewegte sich segelnd mit der Kraft des Windes, gestakt mit langen Stangen dank der Körperkraft ihrer dreiköpfigen Besatzung oder mit Hilfe von Pferden, die sie von Land aus zogen. So wurden Äpfel aus Kehdingen oder dem Alten Land in die große Stadt Hamburg transportiert, Ziegel aus der Ziegelei in Glückstadt und anders herum Waren aus der Stadt aufs Land hinaus. Bei Hochwasser soll die ANNA LISA auslaufen. Die TeilnehmerInnen der Fahrt an diesem langen Pfingstwochenende kommen aus ganz Deutschland. Sie kennen sich aus Studienzeiten und treffen sich einmal im Jahr mit ihren Familien. Dieses Mal wollen sie Eindrücke vom Wattenmeer sammeln. Wir wollen schauen, wie weit wir kommen – alles ganz stressfrei. Tide und Wind bestimmen sowieso unseren Kurs.

Draußen hört man schon den Diesel von SCHLICKI: Michi ist heute früh dran. Er wühlt mit seinem Boot SCHLICKI den Schlick im Hafen auf, damit dieser mit dem bald einsetzenden Ebbstrom in die Elbe hinausgetragen wird. Es ist Zeit die TeilnehmerInnen zu wecken, die gleich morgens beim Ablegen mit an Deck dabei sein wollen. Fast alle sind dabei, nur einige Kinder schlafen noch. Die morgendliche Stimmung belohnt fürs frühe Aufstehen. Es ist noch Dunst über dem Wasser, aber der Himmel ist klar. Es wird ein schöner Tag werden. Wir haben den Hafen ohne Probleme verlassen. Die Fender sind eingeholt und an Deck verstaut, die Leinen wieder aufgeschossen. Wir kommen am Sperrwerk vorbei. Ein Stückchen weiter legt die Elbefähre gerade an. Die Leute an Deck winken uns zu und die Elbe begrüßt uns mit ersten Sonnenstrahlen und einer leichten Brise aus Südwest. Besser geht’s nicht. Wir kreuzen das Fahrwasser vorbei an der Nordspitze der Rhinplate: Das ist die Elbinsel, die die Fähre zwischen Wischhafen und Glückstadt immer umfahren muss; die Insel samt Elbufer südlich des Fähranlegers sind Naturschutzgebiet nach den Natura2000-Regeln. Auf der anderen Seite angekommen, außerhalb des Fahrwassers, das hier bereits salzig ist, gibt es das Kommando zum Segelsetzen. Die TeilnehmerInnen werden kurz eingewiesen, dann kann es losgehen. Während vier Leute die Fock setzen, packen die übrigen bereits das Großsegel aus. An die vielen Fremdworte wie Fall, Piek, Klau, Zeising, Reffbändsel, Verklicker, Dirk usw. werden sie sich schnell gewöhnen. Dann sind die beiden Segel oben.

Plötzlich wird es leise. Die Maschine ist aus. Und die ANNA LISA gleitet im morgendlichen Wind nun, vom immer stärker einsetzenden Ebbstrom kräftig unterstützt, Richtung Nordsee und Wattenmeer. Immer wieder einer der schönsten Augenblicke – wenn man nicht gerade in Richtung des AKW Brokdorf gegenüber der Ostemündung schaut, auf das wir zuhalten. Es wird eines der letzten sein, das in Deutschland abgeschaltet wird. Blickt man zurück, kann man von hier auch das AKW Stade erkennen, das bereits abgeschaltet ist und abgebaut wird. Und im Norden sieht man den dunklen Kasten des Siedewasserreaktors in Brunsbüttel, vom gleichen Typ wie die Reaktoren in Fukushima. Er wird nicht mehr ans Netz gehen. Die gerade noch empfundene Idylle ist plötzlich wie weggeblasen.

In den 80er-Jahren hatten einige in verschiedenen Initiativen engagierte junge Sozialpädagogen, Nautiker, Handwerker und Naturwissenschaftler aus der Region die Idee, mehr Menschen im Rahmen von Bildungsseminaren mittels der damals aufkeimenden Ökopädagogik und Umweltbildung aufzuklären, was da zerstört werden sollte. Doch nicht trocken in einem Bildungszentrum, sondern hautnah in einem Seminarraum, der sich durch die bedrohte Region bewegt. Die Idee zum »Bildungsschiff Niederelbe« war geboren.

Anfangs wurden gecharterte Plattbodenschiffe aus Holland genutzt, dann jedoch bald die ANNA LISA gekauft. Viele private Darlehen von Vereinsmitgliedern machten dies möglich. Mit 25 Seminarfahrten im Jahr, über die eine Bootsleutestelle für die technische Betreuung des Schiffs finanziert und die Darlehen nach und nach zurückgezahlt werden konnten, war der Verein ausgesprochen aktiv. Viele Vereinsmitglieder studierten oder waren noch sehr frei in der Organisation ihrer Arbeitszeit, sonst wäre all dies nicht möglich gewesen.

Die »Kunden« des Vereins waren kirchliche Einrichtungen, Gewerkschaften, Umweltverbände und -vereine, Jugendbildungseinrichtungen oder Schulen. Besuche von Industrie und Bürgerinitiativen, Wattführungen und chemische Wasseruntersuchungen, Wetterkunde und Segeltheorie, Vogelbeobachtung, Wattökologie und natürlich die Nationalparke waren zentrale Themen der Seminare. Das Bildungskonzept trägt vom Grundsatz her bis heute, wenn auch nicht mehr so viele Fahrten möglich sind, Themenschwerpunkte verschieben sich aber.

Faktenwissen über die Zusammenhänge unseres Wirtschaftens und die Bedrohung von Nordsee und Wattenmeer ist gefragt. Was kann ich als Einzelne/r tun? Wo kann ich mich engagieren? Doch das sind Themen eines jeden Umweltseminars. Am Wichtigsten sind bei den ANNA LISA-Fahrten jedoch immer das Erleben und, im wahrsten Sinne des Wortes, das Erfahren dieses Lebensraumes mit einem dafür geeigneten Segelschiff: Zusammen mit anderen, oft zuerst fremden Menschen auf begrenztem Raum, mit begrenzten Ressourcen an Wasser, Nahrung und Energie und in ungewohnter Umgebung. Doch der Blick auf diesen Lebensraum von der Meeresseite her ist noch einmal eine ganz andere Perspektive. Vieles stellt sich anders dar, bisweilen in den abendlichen Gesprächen an Deck auch der eigene Alltag. Und was man erlebt hat, bleibt länger hängen – im Kopf und in der Seele. Deshalb kommen auch viele der TeilnehmerInnen möglichst immer wieder.

Die ANNA LISA ist bei gutem Wind an diesem Tag weit vorangekommen. Am Abend fahren wir ins Neufelder Watt, ein Flusswattengebiet unterhalb von Brunsbüttel. In der Neufelder Rinne sehen wir auf den höher gelegenen und bereits trockengefallenen Wattflächen zahlreiche Seehunde. Sie heben zwar den Kopf, lassen sich aber sonst nicht stören, als wir vorbeituckern. Wir suchen auf der Seekarte einen geeigneten Platz aus. Dort gehen wir vor Anker und werden später trockenfallen.

Morgen wollen wir hier das Watt erkunden. Alle sind schon ganz gespannt. Die ersten Ankerbiere ploppen. Ein Schwarm Austernfischer zischt dicht über der Wasserfläche vorbei. Von ferne hört man das Stampfen der Motoren auf der Elbe vorbeifahrender Schiffe. Möwen kreischen und das Wasser verzieht sich glucksend Richtung Nordsee. Dazu der orangene Horizont nach dem Sonnenuntergang. Da ist sie doch wieder, die Idylle – zumindest für heute Abend.

Joachim Dullin

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Stand: 18. Sep. 2014

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