Lovis

SOS LOVIS
Seit 14 Jahren fährt das Bildungsschiff LOVIS mit Schulklassen und Jugendgruppen auf der Ostsee. Noch immer bangen wir darum, weiter fahren zu dürfen. Das geht gar nicht.

Ein Plädoyer.

Der Stahlrumpf schiebt sich durch die Wellen vor der finnischen Küste. Wir haben eine Nachtfahrt hinter uns, seit heute früh sind wir schnell, die Bugwelle rauscht. Ich stehe am Steuer, als sich von der Küste her ein Motorboot nähert. Einer der Männer steht auf und ruft: »Wie viel Tiefgang habt ihr? Wie lang seid ihr? Kommt mit, wir machen euch Platz im Hafen!« Während unserer Finnlandreise im Jahr 2012 bekamen wir immer wieder Einladungen wie diese. In den Häfen erzählte man uns, dass schon jahrelang kein altes Schiff mehr an der Pier gelegen hätte. Möglich, dass es auch der letzte Besuch der LOVIS war.
Denn seit einigen Jahren prüft die für Traditionssegelschiffe zuständige Verkehrsberufsgenossenschaft neben der Sicher- heit auch die Historizität der alten Schiffe. Immer häufiger hieß ihr Urteil: Nicht historisch genug. Die Flotte ist seit 2000 bereits etwa um ein Drittel geschrumpft. Und von den einstmals etwa 200 Schiffen würden wohl kaum mehr als fünf übrig bleiben, wenn man die Kriterien der Berufsgenossenschaft zugrunde legt. Denn die meisten Schiffe sind eher historische Collagen als exakte Nachbauten.
Unser Rumpf ist aus dem 19. Jahrhundert, das Rigg und das gesamte Erscheinungsbild entspricht dem des Frachtloggers der 1920er-Jahre. Es gibt mit der WILHELM LÜHRING ein konkretes historisches Vorbild. Trotzdem: Um ein Traditionsschiff zu sein, so die Berufs- genossenschaft, müssten wir das Schiff wieder zu dem Dampfschiff zurückbauen, als das es 1897 in Schweden gebaut wurde. Ansonsten bleibt uns nur der Weg in die Be- rufsschifffahrt – für unser ehrenamtliches Projekt wäre das das Aus. Dabei waren wir lange Jahre historisch genug. Überhaupt spricht aus der Entscheidung ein seltsames Verständnis von Historizität. Verfolgt man diesen Ansatz weiter, fährt man auch ohne Hilfsmotor, ohne elektrischen Strom an Bord, ohne GPS, aber auch ohne Frauen – denn die gab es früher an Bord auch nicht.
In Kappeln an der Schlei treffen sich viele Schiffe im Frühjahr, um gemeinsam in die Saison zu starten. Als wir im Mai 2000 dort mit der LOVIS ankamen, wurden wir aufgenommen wie ein neues Familien- mitglied. Immer wieder kamen Crews von anderen Schiffen, um sich bei uns an Bord umzusehen und die LOVIS zu bestaunen.

Hinter uns lag ein Kraftakt – seit September hatten wir unzählige Arbeitsstunden in das Schiff gesteckt und zum Schluss kaum noch geschlafen. Wir waren todmüde, aber euphorisiert: Ein paar jungen Leuten war es gelungen, ein Schiff aufzubauen, ohne selber viel Geld zu haben, den Kredit würden wir durch die Fahrten nun abbezahlen.
Auf den Schiffsaufbau folgten 14 Jahre Segeln zwischen März und November, Schulklassen, Jugendgruppen an Bord, Bildungsreisen zu ökologischen und sozialen Themen, Starkwind und Flauten, Reisen im Nordmeer, zu den Åland- inseln, in der Nord- und Ostsee, im Englischen Kanal und der Irischen See. 70.000 Seemeilen, 7.000 Mitsegler, unge- fähr. Einmal, in einem kleinen dänischen Hafen blockierten wir die Hafeneinfahrt mit unserem Klüverbaum. Wir beobachten Weißseitendelfine vor den Lofoten und verloren während einer windigen Nacht unseren Anker samt Ankerkette vor einer ziemlich einsamen Insel. Ich fuhr als Bootsfrau und später als Skipperin, lernte die Segel setzen und zu steuern, navigieren und als ich das erste Mal Schiffsführerin war, hatte ich eine sonnendurchflutete Woche lang das Gefühl, das Schiff sei die Verlänge- rung meines eigenen Körpers und jedes Manöver eine Bewegung meiner selbst. Mit Freunden zusammen ein Schiff zu betreiben, hieß streiten und versöhnen, Kompromisse finden – vor allem aber die einmalige Chance zu gestalten, selbst zu entscheiden, wofür wir diesen Freiraum, unser Schiff nutzen wollten.
Momentan sind wir um die 30 Menschen, wir treffen uns zwei Mal im Jahr, um die wichtigsten Fragen zu besprechen und die nötige Arbeit zu verteilen. Mittlerweile gibt es sechs Skipperinnen und Skipper. Mit unserer eigenen Entwicklung, den Leuten, die dazukamen und wieder gingen, änderten sich auch die Fahrten, die wir organisierten: Neben der Bildungsar- beit, dem Herzstück der Arbeit an Bord, machten wir internationalen Jugendaustausch und Kampagnen zur Überfischung der Ostsee, wir fuhren mit den Klimapiraten und deren »Act the fuck now«-Segel zur Klimakonferenz nach Kopenhagen. Das Schiff war immer mehr als nur ein Schiff. Ein Freiraum für uns und andere, eine Möglichkeit, Ideen umzusetzen. Auch im Jahr 2013 gab es Pläne: Im August wollten wir eine Fahrt zu Flucht und Migration übers Meer machen – im Englischen Kanal. Stattdessen lag LOVIS bis Juli in unserem Greifswalder Heimathafen fest.

»Brauchen Sie für Ihre Arbeit denn unbedingt ein Schiff«, wurden wir von der Berufsgenossenschaft gefragt. Ja.
Dass was wir auf der LOVIS machen, funktioniert nur, weil es ein Segelschiff ist. Ein traditionelles. Eines, wo fünf Jugendliche gleichzeitig an einem Seil ziehen müssen, um das Großsegel zu setzen. Eines, bei dem man auf Nachtfahrten den Großmast zwischen den Sternen hin- und hertanzen sieht, auf dem die Jugendlichen nach einer durchwachten und manchmal auch durchkotzten Nacht auf den roten Feuerball über dem Horizont warten. Und einsame Inseln betreten dürfen, als seien sie die ersten Entdecker.
Die Jugendlichen, von denen am ersten Tag die eine Hälfte nach dem Spiegel, die andere nach dem Fernseher an Bord fragt, sitzen am Abschlussabend mit zerwehten Frisuren am Tisch im Salon. Viele Gruppen finden während der einwöchigen Reise zu einer anderen Art, miteinander umzugehen. Meer, Ho- rizont, ein Hauch von echtem Abenteuer – das funktioniert fast immer. Nach ein paar Stunden auf der LOVIS sind die meisten Mitsegler schon in einer anderen Welt angekommen, Wochen- tage verschwimmen, Zeit bedeutet etwas ganz anderes und der Wind entscheidet, wann und in welchem Hafen wir ankommen.
»Ihr habt mir alle das Herz gebrochen«, sagte Nader, ein 21-jähriger Asylsuchender aus dem Iran, vor ein paar Jahren bei der Abschlussrunde eines Theatertörns mit jugendlichen Deutschen und Migranten. Er meinte seine Mitsegler, aber auch das Schiff. Zum ersten Mal hatte er in Deutschland Horizont und Weite erlebt und war mit Gleichaltrigen zusammen. Auch von Schülerinnen und Schülern, Ehrenamtlichen aus dem Freiwilli- gen Ökologischen Jahr oder anderen jungen Menschen hören wir beim Abschied immer wieder: »Das war die beste Woche meines Lebens.«
Für uns selber, aber auch alle diese Menschen, haben wir das Schiff gebaut. Wenn wir nicht mehr fahren dürfen, gibt es für diese Mischung aus Bildungsarbeit, Kampag- nenarbeit und Weitergabe von traditioneller Seemann- schaft keinen anderen rechtlichen Rahmen. Berufsschiff können wir nicht werden, Sportboot dürfen wir nicht sein. Dass aber unser Schiff im Hafen langsam einstaubt, wollen wir uns nicht vorstellen. Darum haben wir eine Kampagne gestartet. Im Internet gab es eine Petition, wir machten Öffentlichkeitsarbeit und haben auf der Kieler Woche und der Hanse Sail zusammen mit einer Flotte anderer Schiffe lautstark protestiert. Wie der Kampf ausgeht, steht noch nicht fest.
Immer wieder habe ich auf unseren Reisen davon er- zählt, wie das Schiff entstanden ist, wie wir es betreiben. Die LOVIS ist immer auch ein Symbol dafür, dass es sich lohnt, an seinen Träumen festzuhalten. Dass es Sinn macht, allen Mut und alle Kraft zusammenzunehmen, um aus dem Nichts heraus etwas aufzubauen. Ein Be- weis, dass es möglich ist, sich in die Gesellschaft einzu- bringen, etwas zu bewegen. Und weil das nicht zu schön sein darf, um wahr zu sein, müssen wir weiterfahren.

Anke Lübbert

lovis-©weiland

 

Name: Lovis
Eigner: BÖE e.V.
Webseite: www.lovis.de
Heimathafen: Greifswald
Baujahr: 1897
Ort: Göteborg
Typ: Logger
Länge: 36,50 m
Breite: 5,5 m
Großmast: 27,80 m
Tiefgang: 2,7 m
Segelfläche: 410 m2
Maschine: Deutz 200 PS
Verwendung: Seminar- und Bildungsarbeit, Aktions- & Kampagnentörns
Besatzung: 33
Stand: 13. Nov. 2012

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